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	<title>Die letzten Europäer</title>
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	<description>Jüdische Perspektiven auf die Krisen einer Idee</description>
	<lastBuildDate>Tue, 17 Jun 2025 13:40:12 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Quo vadis, Aida?</title>
		<link>https://www.lasteuropeans.eu/quo-vadis-aida/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hanno Loewy]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Jun 2025 13:32:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Erinnerung]]></category>
		<category><![CDATA[Europäisches Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
		<category><![CDATA[Völkermord]]></category>
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					<description><![CDATA[Filmabend im Graz Museum &#124; Donnerstag, 10. Juli 2025, 18 Uhr Anlässlich des 30. Jahrestags des Genozids von Srebrenica lädt das Graz Museum zu einem Filmabend ein.Gezeigt wird der vielfach ausgezeichnete Spielfilm Quo Vadis, Aida? (Bosnien/Herzegowina 2020, Regie: Jasmila Žbanić), der die Ereignisse vom Juli 1995 aus der Perspektive einer bosniakischen UN-Dolmetscherin erzählt. Der Film [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h4><strong>Filmabend im Graz Museum | Donnerstag, 10. Juli 2025, 18 Uhr</strong></h4>
<p>Anlässlich des 30. Jahrestags des Genozids von Srebrenica lädt das Graz Museum zu einem Filmabend ein.<br class="false" /><br class="false" />Gezeigt wird der vielfach ausgezeichnete Spielfilm Quo Vadis, Aida? (Bosnien/Herzegowina 2020, Regie: Jasmila Žbanić), der die Ereignisse vom Juli 1995 aus der Perspektive einer bosniakischen UN-Dolmetscherin erzählt. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten und verknüpft historische Genauigkeit mit emotionaler Tiefe.<br />
<img decoding="async" loading="lazy" class="aligncenter size-large wp-image-2913" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2025/06/Quo-Vadis-Aida-1024x575.png" alt="" width="1008" height="566" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2025/06/Quo-Vadis-Aida-1024x575.png 1024w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2025/06/Quo-Vadis-Aida-300x168.png 300w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2025/06/Quo-Vadis-Aida-768x431.png 768w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2025/06/Quo-Vadis-Aida-1008x566.png 1008w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2025/06/Quo-Vadis-Aida.png 1244w" sizes="(max-width: 1008px) 100vw, 1008px" />Die Veranstaltung findet im Rahmen des Jahresthemas „Stadt und Demokratie“ und in Verbindung mit der Ausstellung <a href="https://www.grazmuseum.at/ausstellung/die-letzten-europaeer/"><em><strong>Die letzten Europäer. Jüdische Perspektiven auf die Krisen einer Idee</strong></em></a> statt. Sie thematisiert europäische Verantwortung, das Versagen internationaler Schutzmechanismen und die Bedeutung eines friedlichen, vielfältigen Miteinanders.</p>
<p><strong>Programm:</strong><br />
17 Uhr: Führung durch die Ausstellung <a href="https://www.grazmuseum.at/ausstellung/die-letzten-europaeer/"><em>Die letzten Europäer</em></a><br />
18 Uhr: Begrüßung durch Sibylle Dienesch (Direktorin, Graz Museum) und Einführung durch Heike Karge (Universität Graz, Leiterin Fachbereich Südosteuropäische Geschichte und Anthropologie)<br />
Film</p>
<p>Quo Vadis, Aida? (Dauer: 100 Minuten, Originalfassung mit deutschen Untertiteln)<br />
Im Anschluss: Austausch im Foyer und Innenhof</p>
<p>Link zum Trailer: <a href="https://youtu.be/Z0XJNHnGIwU">https://youtu.be/Z0XJNHnGIwU</a></p>
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		<title>Hans Kelsen: Von der Eleganz (und den Prinzipien) der Verfassung</title>
		<link>https://www.lasteuropeans.eu/hans-kelsen-von-der-eleganz-und-den-prinzipien-der-verfassung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hanno Loewy]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Apr 2023 13:04:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europäische Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Europäisches Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Jüdische Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheitenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
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					<description><![CDATA[Europäisches Tagebuch, 19. April 2023: heute vor 47 Jahren starb der Demokratietheoretiker und Verfassungsjurist Hans Kelsen in Kalifornien. von Hanno Loewy Hans Kelsen, der am 11. Oktober 1881 in Prag geboren wurde, war nicht, wie so oft behauptet, der alleinige „Autor“ der österreichischen Verfassung, jener Verfassung deren „Eleganz“ in letzter Zeit so oft bemüht worden [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Europäisches Tagebuch, 19. April 2023:</strong> heute vor 47 Jahren starb der Demokratietheoretiker und Verfassungsjurist Hans Kelsen in Kalifornien.</p>
<p><em>von Hanno Loewy</em></p>
<p>Hans Kelsen, der am 11. Oktober 1881 in Prag geboren wurde, war nicht, wie so oft behauptet, der alleinige „Autor“ der österreichischen Verfassung, jener Verfassung deren „Eleganz“ in letzter Zeit so oft bemüht worden ist. Aber der aus jüdischer Familie stammende Jurist hatte tatsächlich entscheidenden Einfluss auf ihren Text.<br />
Kelsen studierte in Wien, und konvertierte 1905 erst zum katholischen Glauben, dann 1912 zum Protestantismus. Mit seinem Hauptwerk, der <em>Reinen Rechtslehre</em>, gehört er zu den Begründern des Rechtspositivismus, die sich von der sogenannten Naturrechtslehre abzusetzen versuchte. Ein Streit der Laien kaum verständlich war. Schließlich ging auch Kelsen von einer – jenseits der positiven Rechtssetzungen vorhandenen – „Grundnorm“ aus, die er zunächst als „Hypothese“, dann als „Fiktion“ bezeichnete. Und die ihn gleichwohl zum erklärten Anhänger von unveräußerlichen Menschenrechten machte.</p>
<p><img decoding="async" loading="lazy" class="alignleft size-medium wp-image-2856" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/11_Hans_Kelsen_1930_Oesterreichische_Nationalbibliothek-1-181x300.jpg" alt="" width="181" height="300" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/11_Hans_Kelsen_1930_Oesterreichische_Nationalbibliothek-1-181x300.jpg 181w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/11_Hans_Kelsen_1930_Oesterreichische_Nationalbibliothek-1-619x1024.jpg 619w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/11_Hans_Kelsen_1930_Oesterreichische_Nationalbibliothek-1-768x1270.jpg 768w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/11_Hans_Kelsen_1930_Oesterreichische_Nationalbibliothek-1-929x1536.jpg 929w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/11_Hans_Kelsen_1930_Oesterreichische_Nationalbibliothek-1-1238x2048.jpg 1238w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/11_Hans_Kelsen_1930_Oesterreichische_Nationalbibliothek-1-1008x1667.jpg 1008w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/11_Hans_Kelsen_1930_Oesterreichische_Nationalbibliothek-1-scaled.jpg 1548w" sizes="(max-width: 181px) 100vw, 181px" />1917 wurde Kelsen Professor in Wien. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Hersch Lauterpacht, der sich allerdings vom Rechtspositivismus abwenden und als Anhänger der Naturrechtslehre zu einem der maßgeblichen Völkerrechtsexperten des 20. Jahrhunderts werden sollte.<br />
Kelsen vertrat schon nach dem 1. Weltkrieg in seinen Arbeiten zum Verfassungsrecht eine Demokratietheorie, die auf dem Respekt und dem Schutz von Minderheitenrechten basierte: „Die für die Demokratie so charakteristische Herrschaft der Majorität unterscheidet sich von jeder anderen Herrschaft dadurch, daß sie eine Opposition — die Minorität — ihrem innersten Wesen nach nicht nur begrifflich voraussetzt, sondern auch politisch anerkennt und in den Grund- und Freiheitsrechten, im Prinzipe der Proportionalität schützt.“ Legendär ist sein Streit mit Carl Schmitt über die Frage ob der Macht des Souveräns oder dem Recht und dem Schutz von Minderheiten der Vorrang in einer demokratischen Gesellschaft gebührt.<br />
Nach seiner entscheidenden Mitwirkung am Bundes-Verfassungsgesetz, dessen 100. Geburtstag in Österreich 2020 gefeiert wurde, blieb Kelsen Verfassungsrichter der jungen Republik. Und geriet bald ins Visier der nun folgenden konservativen Regierungen.<br />
Um die Aufführung von Arthur Schnitzlers Theaterstück „Der Reigen“ sollte es im Februar 1921 in Wien zu einer antisemitisch aufgeladenen Kampagne kommen. Wiens sozialdemokratischer Bürgermeister Reumann weigerte sich das Stück, wie von der christlichsozialen Regierung gefordert, zu verbieten. Auch der Verfassungsgerichtshof entschied unter Kelsen gegen ein Verbot, was wiederum wütende Drohungen gegen Kelsen provozierte.<br />
1929 schließlich kam es erneut zum Konflikt, der Kelsens Laufbahn in Österreich beendete. Das Verfassungsgericht hatte die bis dahin im katholischen Österreich verbotene Ehescheidung ermöglicht, indem sie die vom sozialdemokratischen Landeshauptmann Niederösterreichs eingeführte staatliche „Dispens-Ehe“ als rechtens anerkannte. Die christlichsoziale Bundesregierung setzte daraufhin das gesamt Verfassungsreicht per Gesetz ab und ernannte neue Richter.<br />
Kelsen nahm Konrad Adenauers Angebot an, als Professor nach Köln zu wechseln. Doch schon 1933 machte die nationalsozialistische Machtübernahme in Deutschland seinem Wirken in Deutschland ein Ende. Als einziger seiner Kölner Fachkollegen beteiligte sich Carl Schmitt nicht an einer Petition zu seinen Gunsten.</p>
<p>Kelsen ging nach Genf, und 1936 nach Prag, wo seine Berufung einen Sturm völkisch-antisemitischer Studenten auslöste. 1940 emigrierte er in die USA, und ließ sich in Kalifornien nieder. 1945 ehrte ihn die Österreichische Akademie der Wissenschaften, doch eine Einladung, nach Österreich zurückzukehren ist nie erfolgt. An die Eleganz „seiner“ Verfassung wird gerne erinnert. Doch an den mühsamen Kampf um Minderheitenrechte weniger. Kelsen starb am 19. April 1976 in Orinda, Kalifornien.</p>
<div id="attachment_999" style="width: 664px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-999" decoding="async" loading="lazy" class="size-large wp-image-999" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2020/10/Hans_Kelsen_Bust_Verfassungsgerichtshof_Wien-664x1024.jpg" alt="" width="664" height="1024" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2020/10/Hans_Kelsen_Bust_Verfassungsgerichtshof_Wien-664x1024.jpg 664w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2020/10/Hans_Kelsen_Bust_Verfassungsgerichtshof_Wien-195x300.jpg 195w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2020/10/Hans_Kelsen_Bust_Verfassungsgerichtshof_Wien-768x1184.jpg 768w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2020/10/Hans_Kelsen_Bust_Verfassungsgerichtshof_Wien-996x1536.jpg 996w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2020/10/Hans_Kelsen_Bust_Verfassungsgerichtshof_Wien-1008x1554.jpg 1008w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2020/10/Hans_Kelsen_Bust_Verfassungsgerichtshof_Wien.jpg 1280w" sizes="(max-width: 664px) 100vw, 664px" /><p id="caption-attachment-999" class="wp-caption-text">Hans Kelsen: Büste am Sitz des Wiener Verfassungsgerichtshof</p></div>
<p>&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Hilde Meisel – Hilda Olday – Hilda Monte: The Unity of Europe</title>
		<link>https://www.lasteuropeans.eu/hilde-meisel-hilda-olday-hilda-monte-the-unity-of-europe-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hanno Loewy]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 24 Apr 2023 09:27:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europäische Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Europäische Einigung]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[Jüdische Perspektiven]]></category>
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					<description><![CDATA[Europäisches Tagebuch, 17. April 2023: Heute vor 78 Jahren, wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde die Schriftstellerin Hilda Monte am Grenzkontrollpunkt Tipis zwischen Vorarlberg und Liechtenstein erschossen. von Hanno Loewy Geboren wurde die sozialistische Widerstandskämpferin unter dem Namen Hilde Meisel am 31. Juli 1914 in Wien, drei Tage nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Europäisches Tagebuch, 17. April 2023:</strong> Heute vor 78 Jahren, wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde die Schriftstellerin Hilda Monte am Grenzkontrollpunkt Tipis zwischen Vorarlberg und Liechtenstein erschossen.</p>
<p><em>von Hanno Loewy</em></p>
<p>Geboren wurde die sozialistische Widerstandskämpferin unter dem Namen Hilde Meisel am 31. Juli 1914 in Wien, drei Tage nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns gegen Serbien, mit der der erste Weltkrieg begann.</p>
<p>1915 zog ihre Familie – ihre Eltern Rosa und ernst Meisel und ihre ältere Schwester Margot – nach Berlin, wo ihr Vater ein Import-Export Geschäft führte. Schon als Jugendliche schloss sie sich dem „Internationalen Sozialistischen Kampfbund“ (ISK) an, der 1926 vom Philosophen Leonard Nelson gegründet wurde. 1929 besuchte sie zum ersten Mal England, 1932 ging sie für kurze Zeit nach Paris. Regelmäßig veröffentlichte sie in der ISK-Zeitschrift <em>Der Funke</em> Analysen der politischen und wirtschaftlichen Situation in England, Frankreich und Deutschland, Spanien und den Kolonien, nicht zuletzt in Afrika. Einer der letzten Texte, die sie im Februar 1933 im <em>Funke</em> veröffentlichte, beschäftigte sich mit dem Waffenschmuggel zwischen italienischen, österreichischen und ungarischen Faschisten, der über die Munitionsfabriken von Hirtenberger in Österreich abgewickelt wurde.<br />
Die Jahre 1933 und 1934 erlebte sie wieder im Deutschen Reich, bevor sie 1934 nach Paris und 1936 nach London emigrierte. Mehrere Male reiste sie auch danach illegal ins Deutsche Reich und half dabei, Aktionen des Arbeiterwiderstands zu organisieren. 1938 ging sie, um ihre Ausweisung aus England zu verhindern, eine Scheinehe mit dem deutsch-britischen Karikaturisten John Olday ein und wurde dadurch britische Staatsbürgerin.</p>
<div id="attachment_1754" style="width: 300px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-1754" decoding="async" loading="lazy" class="size-medium wp-image-1754" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2021/03/Hilda_Monte_f-per-037_web-855x324-1-300x114.jpg" alt="" width="300" height="114" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2021/03/Hilda_Monte_f-per-037_web-855x324-1-300x114.jpg 300w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2021/03/Hilda_Monte_f-per-037_web-855x324-1-768x291.jpg 768w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2021/03/Hilda_Monte_f-per-037_web-855x324-1.jpg 855w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-1754" class="wp-caption-text">Hilda Monte; © Archiv Jüdisches Museum Hohenems</p></div>
<p>Auch während des Krieges blieb sie im Widerstand aktiv, sei es als Kurierin der Internationalen Transportarbeiter-Föderation oder im Auftrag alliierter Geheimdienste. Und sie schrieb, zumeist unter dem Namen Hilda Monte. 1940 erschien ihr gemeinsam mit Fritz Eberhard (eigentlich Hellmuth von Rauschenplat) verfasstes Buch <em>How to conquer Hitler</em>. Sie war am Aufbau des Radiosenders „Europäische Revolution“ beteiligt und arbeitete für die deutschen Arbeiter-Sendungen der BBC. 1942 berichtete sie im Radio auch über die begonnene Massenvernichtung der Juden im besetzten Polen. Daneben schrieb sie Gedichte – und arbeitete an ihrem Roman <em>Where Freedom Perished</em>, der erst 1947 erscheinen sollte.</p>
<p>1943 erschien in London ihr Buch <em>The Unity of Europe</em>, in dem sie eine Vision für ein vereintes sozialistisches Europa mit gemeinsamen Institutionen, als politisch unabhängige revolutionäre Kraft zwischen den USA und der Sowjetunion entwickelte.</p>
<p>1944 ließ sie sich zusammen mit Anna Beyer, einer ISK-Kameradin, im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes OSS und österreichischer Sozialisten ins besetzte Frankreich einschleusen. Bald darauf holten René und Hanna Bertholet sie in die Schweiz, ins Tessin und nach Zürich, wo sie mit sozialistischen Emigranten gemeinsam Pläne für die Zeit nach der Befreiung entwarfen – und Hilda Monte davon träumte in China Genossenschaften aufzubauen und alternative Wirtschaftsformen zu studieren, während sie in Mußestunden Tonskulpturen anfertigte.</p>
<p>Im April 1945 meldete sie sich erneut für einen heiklen Auftrag. Von Zürich aus ging sie illegal über die Grenze, um Kontakt mit Sozialisten in Vorarlberg herzustellen, mit einem Fragebogen im Kopf, der das Verhältnis verschiedener Widerstandsgruppen zu einander und die politischen Perspektiven in Vorarlberg nach der Befreiung ausloten sollte. Vermutlich sollte sie auch die Möglichkeiten ausloten, sozialistische Emigranten ins Reich zu schleusen, um den politischen Neuanfang nach der Befreiung vorzubereiten.</p>
<p>Auf dem Rückweg von Feldkirch nach Liechtenstein wurde sie am 17. April 1945 in der Nacht an der Grenze von einer Grenzwache aufgegriffen und im Zollamt Tisis festgehalten. Beim Versuch, in den Morgenstunden zu fliehen, wurde sie angeschossen und verblutete an Ort und Stelle.<br />
Ihre gefälschten Papiere wiesen sie als Eva Schneider aus Berlin aus: „Kontoristin im Propagandaministerium“. Sie wurde als „vermutlich protestantisch“ auf dem evangelischen Friedhof von Feldkirch beigesetzt. Österreichische Sozialisten setzten auf ihr Grab den Stein mit der Inschrift: „Hier ruht unsere unvergessliche Genossin Hilde Monte-Olday. Geb. 31.7. 1914 in Wien. Gest. 17.4.1945 in Feldkirch. Sie lebte und starb im Dienste der sozialistischen Idee“.</p>
<div id="attachment_1908" style="width: 1008px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-1908" decoding="async" loading="lazy" class="size-large wp-image-1908" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2021/04/IMG_2390_klein-1024x769.jpg" alt="" width="1008" height="757" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2021/04/IMG_2390_klein-1024x769.jpg 1024w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2021/04/IMG_2390_klein-300x225.jpg 300w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2021/04/IMG_2390_klein-768x576.jpg 768w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2021/04/IMG_2390_klein-1008x757.jpg 1008w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2021/04/IMG_2390_klein.jpg 1427w" sizes="(max-width: 1008px) 100vw, 1008px" /><p id="caption-attachment-1908" class="wp-caption-text">Grab von Hilda Monte</p></div>
<p>Viele ihrer Genossinnen und Genossen wurden prominente Mitglieder der SPD, wie Susanne Miller und Willi Eichler, der große Teile des Godesberger Programms schrieb, Gründerinnen und Gründer politischer und philosophischer Akademien oder, wie Hanna und René Bertholet, der <em>Europäischen Verlagsanstalt</em> in Hamburg. All dies hat Hilda Monte, geboren am Beginn des ersten Weltkriegs, getötet in den letzten Kriegstagen des zweiten, nicht mehr erlebt. Auch nicht die Gründung der Europäischen Gemeinschaft.</p>
<p>1943, als ihr Buch <em>The Unity of Europe</em> erschien, schrieb sie in einem Brief an Julius Braunthal, den Sekretär der Sozialistischen Internationale in London: „If you ask me what nationality you should add to my name – I must say that I don’t quite know how to answer that question. I am British by nationality now, Hungarian by origin, and have lived and worked a lot in Germany. I can only define myself as a European, but I guess that we have not reached the stage where that is permissible.” Mit diesem Anspruch würde sie auch heute noch scheitern.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Lucian Brunner und das Recht der Minderheiten</title>
		<link>https://www.lasteuropeans.eu/lucian-brunner-und-das-recht-der-minderheiten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hanno Loewy]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Apr 2023 08:06:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Antisemitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Letzte Europäer]]></category>
		<category><![CDATA[Minderheitenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachen]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
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					<description><![CDATA[Europäisches Tagebuch, 15. April 2023: Heute vor 109 Jahren starb Lucian Brunner in Wien  von Hanno Loewy 1914, dem Jahr in dem Lucian Brunner in Wien starb, explodierten die Konflikte, die er einst im Wiener Gemeinderat zu moderieren versuchte, in ganz Europa. Am 19. September 1850 wurde er in eine vielsprachige Familie in Hohenems geboren, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Europäisches Tagebuch, 15. April 2023: </strong>Heute vor 109 Jahren starb Lucian Brunner in Wien</p>
<p><em> von Hanno Loewy</em></p>
<p>1914, dem Jahr in dem Lucian Brunner in Wien starb, explodierten die Konflikte, die er einst im Wiener Gemeinderat zu moderieren versuchte, in ganz Europa. Am 19. September 1850 wurde er in eine vielsprachige Familie in Hohenems geboren, als Sohn von Marco Brunner und Regina Brettauer. Lucians Vater war wie die meisten seiner Brüder und Cousins in ihrer Jugend nach Triest aufgebrochen um an dem regen Textilhandel zwischen St. Gallen und dem Mittelmeerraum zu partizipieren, mit dem die Familie Brunner ihren steilen ökonomischen Aufstieg begann. Später ging Marco Brunner nach St. Gallen, wo er die Geschäfte der Familie in der Schweiz vertrat und bald auch das „Bankhaus Jakob Brunner“ führte, aus dem später einmal die UBS hervor gehen sollte.</p>
<div id="attachment_2838" style="width: 195px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-2838" decoding="async" loading="lazy" class="wp-image-2838 size-medium" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/3_Lucian-und-Malwine-Brunner_1885_jmh-195x300.jpg" alt="" width="195" height="300" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/3_Lucian-und-Malwine-Brunner_1885_jmh-195x300.jpg 195w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/3_Lucian-und-Malwine-Brunner_1885_jmh-768x1182.jpg 768w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/3_Lucian-und-Malwine-Brunner_1885_jmh-998x1536.jpg 998w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/3_Lucian-und-Malwine-Brunner_1885_jmh-1331x2048.jpg 1331w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/3_Lucian-und-Malwine-Brunner_1885_jmh-1008x1551.jpg 1008w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/3_Lucian-und-Malwine-Brunner_1885_jmh-scaled.jpg 1663w" sizes="(max-width: 195px) 100vw, 195px" /><p id="caption-attachment-2838" class="wp-caption-text">Lucian und Malvine Brunner, 1885; © Archiv Jüdisches Museum Hohenems</p></div>
<p>1883 trat auch Lucian Brunner als Kompagnon in die Privatbank seines Vaters in St. Gallen ein. Bald darauf, 1889, ließ Lucian sich mit seiner Frau Malwine Mandel in Wien nieder, wo er sein eigenes Bankgeschäft gründete aber auch als Industrieller und Politiker tätig wurde. Er engagierte sich in einer kleinen liberal ausgerichteten Partei, den „Wiener Demokraten“, für die er von 1896 bis 1901 dem Wiener Gemeinderat angehörte, wie auch als Obmann des „Demokratischen Zentralvereins“ und als Herausgeber der dazugehörigen Zeitung „Volksstimme“. Im Wiener Gemeinderat trat er immer wieder dem antisemitischen Bürgermeister Karl Lueger entgegen, wo er den immer lauter werdenden nationalistischen Parolen widersprach. In der Auseinandersetzung um die Badenische Sprachenverordnung vertrat er gegenüber der aufwallenden Feindseligkeit gegenüber den Tschechen eine mäßigende Position. Er vertrat die Ansicht, dass die deutsche Verkehrssprache nicht mit nationalistischem Ressentiment, sondern aus Vernunftgründen verteidigt werden müsse, ohne die Sprachminderheiten im Reich abzuwerten. „Die Vertretung der Stadt Wien (…) muß sich gegenwärtig halten, daß sie nicht bloß das Zentrum eines Landes ist, welches von einer Nationalität bewohnt ist, sondern von vielen Nationalitäten und es soll daher verhütet werden, daß etwa eine andere Nationalität des Reiches glaube, daß in dieser Resolution eine Spitze, eine Feindseligkeit gegen sie enthalten sei. (…) Es ist ja seit Jahr und Tag bei uns in Österreich üblich, daß man eine Politik der Schlagwörter macht und zu den zügigsten dieser Schlagwörter gehört der Nationalitätenstreit und der Nationalitätenhader. Wenn eine politische Partei nichts mehr anzufangen weiß, dann fängt sie an, Nationalitätenstreitigkeiten hervorzurufen.“ Als im Oktober 1897 Vertreter der tschechischen Minderheit in Wien eine neue Schule für sich forderten, ging er ebenfalls auf Distanz zum nationalen Furor und rief dazu auf Pluralismus zuzulassen – und verweis dabei auf seine eigenen Erfahrungen als Angehöriger der deutschen Minderheit in Triest. Stattdessen wurde er im Gemeinderat als „Jude“ beschimpft. „Gerade der Zwang, mit dem man die Völker Österreichs zum Deutschtum zwingen wollte, hat das Deutschtum geschädigt. (…) Wir wollen das Recht für unsere Minoritäten, deshalb dürfen wir selbst auch nirgends das Recht einer Minorität unterdrücken! Außerdem steht es der großen deutschen Kulturnation nicht gut an, wenn sie sagt, wir fürchten uns vor dieser tschechischen Schule in Favoriten. (…) Ich bin ein Jude, wie Sie ganz richtig sagen, und meine Herren, ich bin froh daß ich einer bin.“<br />
Vollends zum Feindbild der Christlichsozialen wurde er mit seinem Protest gegen eine geplante Kirchenbausubvention der Christlichsozialen Mehrheit. Gegen diesen Bruch mit der Religionsneutralität des Staates reichte Lucian Brunner eine Klage ein, die schließlich vor dem Höchstgericht Erfolg hatte. Damit verteidigte er die verfassungsmäßig garantierte Trennung von Kirche und Staat – und wurde nun zum beliebten Ziel andauernder antisemitischer Angriffe, in Wien wie in Vorarlberg. Lucian Brunners erste Frau, Malwine, starb während dieser Kampagnen, die der Familie Brunner auch persönlich zusetzten.<br />
Mit seiner Heimatgemeinde Hohenems blieb Brunner immer in engem Kontakt. So spendete er beispielsweise für den Bau des Krankenhauses und der Turnhalle namhaften Summen. Mehrfach versuchte er auch in Zusammenarbeit mit Hohenemser Liberalen und der Fabrikantenfamilie Rosenthal Straßenbahnprojekte in Hohenems zu realisieren, die Hohenems mit der Schweizer Eisenbahn jenseits des Rheins oder auch mit Lustenau verbinden sollten. Ein letztes Straßenbahnprojekt, das 1911 den Hohenemser Bahnhof mit der Rosenthalschen Fabrik im Süden der Marktgemeinde verbinden sollte, kam ebenfalls nicht zustande, da die Wirtschaftslage die Firma Rosenthal inzwischen schwer in Mitleidenschaft zog. Auch in Hohenems agitierten die Christlichsozialen gegen den „Juden“ Brunner – und gegen die Rosenthals, die die Schule mit italienischen Kindern „vollstopfen“ würden.<br />
Brunner blieb zeitlebens ein Liberaler, auch wenn er am Ende seines Lebens die zionistische Bewegung in Wien unterstützte, wohl aus Enttäuschung über die politische Entwicklung in Österreich. Als er am 15. April 1914 in Wien starb, hinterließ er ein Legat für eine überkonfessionelle Schule in seiner Heimatgemeinde. Der Hohenemser Gemeinderat nahm das Legat nicht an. Eine überkonfessionelle Schule war in Hohenems nicht erwünscht.</p>
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		<title>Eine Sprache der Menschheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Hanno Loewy]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Apr 2023 15:05:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krieg und Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Letzte Europäer]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachen]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
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					<description><![CDATA[Europäisches Tagebuch, 14. April 2023: Heute vor 106 Jahren starb Ludwik Lejzer Zamenhof von Hanno Loewy Am 15. Dezember 1859 wurde Ludwik Lejzer Zamenhof in Bialystok geboren. Bekannter aber wurde das Pseudonym Doktor Esperanto, unter dem er 1887 eine Plansprache begründete, die noch heute von Menschen gesprochen und gepflegt wird – Menschen, die darauf hoffen, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Europäisches Tagebuch, 14. April 2023: </strong>Heute vor 106 Jahren starb Ludwik Lejzer Zamenhof</p>
<p><em>von Hanno Loewy</em></p>
<p>Am 15. Dezember 1859 wurde Ludwik Lejzer Zamenhof in Bialystok geboren. Bekannter aber wurde das Pseudonym Doktor Esperanto, unter dem er 1887 eine Plansprache begründete, die noch heute von Menschen gesprochen und gepflegt wird – Menschen, die darauf hoffen, dass die Babylonische Sprachverwirrung einst einer vereinigten Menschheit nicht länger im Weg stehen wird.</p>
<div id="attachment_2834" style="width: 214px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-2834" decoding="async" loading="lazy" class="size-medium wp-image-2834" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/4_Ludwik_Zamenhof_1908_wikipedia_gemeinfrei-214x300.jpg" alt="" width="214" height="300" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/4_Ludwik_Zamenhof_1908_wikipedia_gemeinfrei-214x300.jpg 214w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/4_Ludwik_Zamenhof_1908_wikipedia_gemeinfrei-730x1024.jpg 730w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/4_Ludwik_Zamenhof_1908_wikipedia_gemeinfrei-768x1078.jpg 768w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/4_Ludwik_Zamenhof_1908_wikipedia_gemeinfrei-1095x1536.jpg 1095w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/4_Ludwik_Zamenhof_1908_wikipedia_gemeinfrei-1008x1414.jpg 1008w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/4_Ludwik_Zamenhof_1908_wikipedia_gemeinfrei.jpg 1364w" sizes="(max-width: 214px) 100vw, 214px" /><p id="caption-attachment-2834" class="wp-caption-text">Ludwik Zamenhof, 1908; © Wikimedia Commons</p></div>
<p>Zamenhof wuchs in einer vielsprachigen Welt auf, einer vielsprachigen Stadt, in der ganz selbstverständlich Polnisch, Russisch, Deutsch und Jiddisch gesprochen wurde. Sein Vater war der jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskala verbunden, verstand sich als Russe und als Atheist. Er arbeitet als Sprachlehrer für Französisch und Deutsch – und wurde russischer Schulinspektor und Zensor. Zamenhofs Mutter hingegen war religiös und sprach Jiddisch. Aus diesem Kosmos voller sich damals noch nicht ausschließender Widersprüche zog Lejzer, der sich bald den nicht-jüdischen Vornamen Ludwik zulegte, seine eigenen Lehren. Zunächst aber studierte er Medizin, erst in Moskau, dann in Warschau, und wurde Augenarzt.<br />
Die Pogrome von 1882 führten den jungen Russen, als der auch er sich zunächst verstand, zur frühen zionistischen Bewegung. Doch das Ziel einer jüdischen Heimstätte im Nahen Osten erschien ihm unrealistisch. Er sah die Zukunft der Juden in einer versöhnten Welt, ohne sprachliche, kulturelle oder religiöse Mauern. Und wurde folgerichtig Internationalist.<br />
Bereits als Kind hatte Zamenhof sich für den Reichtum der Sprachen begeistert, beherrschte selbstverständlich Russisch und Jiddisch, lernte früh Polnisch, Deutsch und Französisch, in der Schule zusätzlich Griechisch, Latein und Englisch. Auch Hebräisch eignete er sich an, sollte er doch später die hebräische Bibel ins Esperanto übersetzen.<br />
Sein eigentlicher Traum aber war eine leicht zu erlernende Weltsprache, in der eine zerstrittene Menschheit zueinander finden sollte. Nicht um ihre „eigene“ Sprachen zu vergessen, sondern um eine gemeinsame Basis zu gewinnen. Schon an seinem 18. Geburtstag sang er mit seinen Freunden ein Lied in der <em>Lingwe Uniwersale</em>.<br />
1887 schließlich veröffentlichte er unter dem Namen Dr. Esperanto seinen endgültigen Entwurf, und begann mit der Herausgabe einer eigenen Zeitschrift, <em>La Esperantisto</em>, wie aich von Adress- und Wörterbüchern. Vor allem aber arbeitete er an einer universalistisch-humanistischen Weltanschauung, die er zunächst <em>Hillelismus </em>(nach dem bedeutenden jüdischen Gelehrten der vorchristlichen Zeit) und schließlich auf Esperanto <em>Homaranismo</em> nannte.<br />
Die Esperanto-Bewegung zählte bald tausende Anhänger in den verschiedensten Ländern Europas. Viele Familien lehrten die Sprache ihren Kindern, so auch die Eltern von George Soros in Ungarn. Doch die nationalistische Selbst-Zerfleischung Europas im 1. Weltkrieg konnte durch seine Bewegung genauso wenig aufhalten werden, wie durch die Friedensbewegung.<br />
Den Kriegsbeginn erlebte Zamenhof 1914 in Köln, auf dem Weg von Warschau nach Paris zum 10. Esperanto-Weltkongress. Über die Kriegsjahre zog Zamenhof sich zurück, arbeitete an einer Übersetzung der hebräischen Bibel ins Esperanto, verfasste eine Denkschrift <em>An die Diplomaten</em>, in der er aufrief, bei den kommenden Friedensverhandlungen die Minderheiten nicht zu vergessen, und kämpfte mit seiner Herzkrankheit, die ihn schließlich am 14. April 1917 besiegte. Zamenhof wurde 57 Jahre alt. Auf seinem letzten Weg zum Jüdischen Friedhof in Warschau begleitete ihn eine große Menschenmenge, darunter auch viele seiner armen jüdischen Patienten.</p>
<p>Bis heute gibt es Esperantogruppen in vielen Ländern die zumindest die Erinnerung an Zamenhofs Traum hochhalten. 2017 hatte sogar die Unesco Zamenhofs 100. Todestag in die Liste der offiziellen Gedenktage des Jahres aufgenommen. Der Stadtrat von Bialystok, beherrscht von der rechts-nationalen Partei PIS lehnte es freilich ab, den berühmten „Sohn der Stadt“ zu ehren.</p>
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		<title>Ein europäisches Volk</title>
		<link>https://www.lasteuropeans.eu/ein-europaeisches-volk/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hanno Loewy]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Apr 2023 09:41:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Roma]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
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					<description><![CDATA[Europäisches Tagebuch, 08. April 2023: Heute vor 52 Jahren fand der erste Roma-Weltkongress in London statt. von Hanno Loewy Seit 1990 wird der 8. April als Internationaler Tag der Roma gefeiert, in Erinnerung an den ersten Weltkongress, den Angehörige der Roma 1971 in London organisiert hatten, um auf die Situation der Roma aufmerksam zu machen. [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Europäisches Tagebuch, 08. April 2023: </strong>Heute vor 52 Jahren fand der erste Roma-Weltkongress in London statt.</p>
<p><em>von Hanno Loewy</em></p>
<p>Seit 1990 wird der 8. April als Internationaler Tag der Roma gefeiert, in Erinnerung an den ersten Weltkongress, den Angehörige der Roma 1971 in London organisiert hatten, um auf die Situation der Roma aufmerksam zu machen. Auf dem Kongress in London diskutierten seinerzeit Vertreterinnen und Vertreter aus 23 Ländern über kulturelle, politische und soziale Fragen ihrer Minderheitenexistenz, beschlossen eine eigene Hymne und eine Fahne. Verfolgung und Diskriminierung betraf und betrifft Roma bis heute in vielen Ländern. So wird jedes Jahr der Aktionstag am 8. April auch zum politischen Statement der weltweiten Bürgerrechtsbewegung der Roma.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Vom Sammeln von Muscheln und Bohren nach Öl</title>
		<link>https://www.lasteuropeans.eu/vom-sammeln-von-muscheln-und-bohren-nach-oel/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hanno Loewy]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Apr 2023 09:28:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Jüdische Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Kolonialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftsinteressen]]></category>
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					<description><![CDATA[Europäisches Tagebuch, 4. April 1799: Heute vor 224 Jahren wurde Marcus Samuel geboren. von Felicitas Heimann-Jelinek Seit der Antike übt das Meer einen spezifischen Reiz auf den Menschen aus. Es ist gefährlich und verlockend, es trennt und verbindet, es hat mörderische Kraft und es gibt Nahrung. Besondere und absonderliche Schätze der Meere üben seit jeher [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Europäisches Tagebuch, 4. April 1799: Heute vor 224 Jahren wurde Marcus Samuel geboren.</strong></p>
<p><em>von Felicitas Heimann-Jelinek</em></p>
<p>Seit der Antike übt das Meer einen spezifischen Reiz auf den Menschen aus. Es ist gefährlich und verlockend, es trennt und verbindet, es hat mörderische Kraft und es gibt Nahrung. Besondere und absonderliche Schätze der Meere üben seit jeher eine eigene Faszination auf den Menschen aus. Spektakuläre Meeresfunde waren Objekte fürstlicher Begierden, die in ihren Wunderkammern mit ihrem Besitz ihre Machtphantasien ausleben konnten. In der Moderne treffen Exotik, aber auch Naturwissenschaft auf immer breiteres Interesse. Von literarischen Phantasie-Reisen, Fernweh und realen Urlaubserinnerungen angeregt, kamen vor allem Muscheln als Souvenirs in Mitteleuropa während der „Adria-Ausstellung“, der bedeutendsten maritimen Schau in Wien, auf. Die „Adria-Ausstellung“ von 1913 war die letzte große Ausstellung in Österreich vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die letzte große Ausstellung der österreichisch-ungarischen Monarchie.<a href="applewebdata://B465259C-611E-4AB6-8BE3-47200AD01D31#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a> Andenken-Muscheln waren schon in der legendären Schau „Venedig in Wien“ im Jahr 1885 Verkaufsschlager gewesen, auf der „Zierwerk und Galanteriegegenstände aus Lava, Corallen, Muscheln und Schildpatt“ angeboten worden waren.<a href="applewebdata://B465259C-611E-4AB6-8BE3-47200AD01D31#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a> Doch schon einige Zeit früher hatte ein Geschäftsmann den Zauber der Weite, der Tiefe und der Ferne, den Muscheln ausstrahlen, geschickt genutzt: Marcus Samuel (4. April 1799 – 24. November 1872).</p>
<p>Bereits 1833 öffnete Marcus Samuel ein Antiquitäten-Geschäft in London – manche nannten es Kolonialwaren Geschäft, andere wiederum sagen, es war eher ein Kuriositäten-Laden. Für letztere Einschätzung spricht die Tatsache, dass Samuel nicht der sephardischen Elite Londons angehörte, vielmehr aus bescheidenen bayerisch-holländischen Migranten-Verhältnissen stammte. Ebenfalls Kuriositäten-Laden-Variante spricht, dass einer seiner frühen Verkaufsschlager eben ein Souvenir-Objekt war, nämlich „knickknack boxes“ mit aufgeklebten Muscheln, die er am Strand von Brighton vertrieb. Wie dem auch sei, Marcus Samuel bot in seinem Geschäft dem naturhistorisch und meeresbiologisch interessierten Publikum auch Meeresmuscheln an, die ihm Seeleute von ihren Fahrten mitbrachten. Das Geschäft florierte derart, dass Marcus Samuel seine Söhne dazu bringen konnte, selber stetig weitere Strecken per Schiff zurückzulegen, um – aus englischer Perspektive – immer ausgefallenere Muscheln zu finden. Mit wachsendem Angebot bzw. wachsender Nachfrage wuchs ein kleine Samuel’sche Flotte heran. Jedes der Schiffe erhielt eine Art Logo, welches jeweils eine andere Muschel war. Marcus Samuel jun. entdeckte schließlich, dass es außer Muscheln noch Anderes im Meer gab, das sich verwerten ließ: Bodenschätze.</p>
<p>Sein Bruder Samuel Samuel realisierte überdies bei einer Fahrt ins Schwarze Meer die Bedeutung des Ölhandels. Und so sattelten sie von Muscheln auf Kerosin und Öl um. Das Geschäft schoss in die Höhe und die Samuels gründeten eine Company, die 1897 unter dem naheliegenden Namen „Shell“ eingetragen wurde. Von den verschiedenen Muscheln wählte man 1904 die Kamm-Muschel oder Pecten als endgültiges Firmen-Logo. 1907 fusionierte die Firma mit der „Royal Dutch Company of the Netherlands“ und die Shell-Gruppe in ihrer heutigen Form entstand.<a href="applewebdata://B465259C-611E-4AB6-8BE3-47200AD01D31#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a></p>
<p>1902 wurde Marcus Samuel in den Adelsstand eines Baronet erhoben und der zweite jüdische Lord Mayor von London. In Anerkennung seiner Verdienste um die Versorgung des Britischen Königreiches während des Ersten Weltkriegs mit Treibstoff wurde er 1925 schließlich mit dem neu geschaffenen Titel eines Viscount Bearsted geehrt.</p>
<div id="attachment_2827" style="width: 530px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-2827" decoding="async" loading="lazy" class="size-full wp-image-2827" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/1_Marcus_Samuel_Viscount_Bearsted_1902_wikipedia_gemeinfrei.jpg" alt="" width="530" height="800" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/1_Marcus_Samuel_Viscount_Bearsted_1902_wikipedia_gemeinfrei.jpg 530w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/04/1_Marcus_Samuel_Viscount_Bearsted_1902_wikipedia_gemeinfrei-199x300.jpg 199w" sizes="(max-width: 530px) 100vw, 530px" /><p id="caption-attachment-2827" class="wp-caption-text">Marcus Samuel Viscount Bearsted als Lord Mayor of London. London Stereoscopic &amp; Photographic Company, circa 1902. © Wikimedia Commons</p></div>
<p>Sein Sohn Colonel Walter Horace Samuel, 2nd Viscount Bearsted MC (13. März 1882 – 8. November 1948) war Vorsitzender der „Shell Transport and Trading Company“. Daneben war er ein engagierter Kunstkenner und –Sammler. Zu seinen Kunstwerken gehörten Werke von Rembrandt, Canaletto, George Stubbs, Hans Holbein dem Jüngeren und Hogarth. Auch war er ein Trustee der National Gallery sowie der Tate Gallery und Vorsitzender der Whitechapel Art Gallery in London.</p>
<p>Sein Haus und seine Sammlung wurden 1948 dem National Trust gestiftet und damit öffentlich gemacht. Er diente im Ersten Weltkrieg, machte aber vor allem im Zweiten Weltkrieg von sich Reden, da er mit dem Secret Intelligence Service (SIS alias MI6) und dann Special Operations Executive (SOE) arbeitete. Als Offizier der Sektion D des SIS war er ab 1939 zunächst an frühen Versuchen beteiligt, Widerstandsnetzwerke in Skandinavien aufzubauen und war dann eine Schlüsselfigur bei den Plänen zur Gründung einer britischen Widerstandsorganisation – dem Home Defence Scheme. Im Sommer 1940 überwachte er die Übertragung eines Teils des SIS-Nachrichtendienstes auf die neuen Hilfseinheiten. Walter Samuel war Mitglied der 1942 gegründeten antizionistischen Jewish Fellowship. Trotzdem setzte er sich in den 1930er Jahren für die Auswanderung von Juden aus Nazi-Deutschland nach Palästina bei Wahrung eines dortigen Friedens ein.<a href="applewebdata://B465259C-611E-4AB6-8BE3-47200AD01D31#_ftn4" name="_ftnref4">[4]</a></p>
<p><a href="applewebdata://B465259C-611E-4AB6-8BE3-47200AD01D31#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Unter dem höchsten Protektorate Seiner k.u.k. Hoheit des durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Franz Ferdinand von Österreich-Este. Österr. Adria-Ausstellung Wien 1913. Hrsg. von der Ausstellungs-Kommission. Wien 1913.</p>
<p><a href="applewebdata://B465259C-611E-4AB6-8BE3-47200AD01D31#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Norbert Rubey/Peter Schoenwald, Venedig in Wien. Theater- und Vergnügungsstadt der Jahrhundertwende, Wien 1996.</p>
<p><a href="applewebdata://B465259C-611E-4AB6-8BE3-47200AD01D31#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> http://www.gilthserano.de/businesswissen/011202.html; http://www.shell.com/home/Framework?siteId=ch-de&amp;FC2=/ch-de/html/iwgen/zzz_lhn.html&amp;FC3=/ch-de/html/iwgen/sitemap.html</p>
<p><a href="applewebdata://B465259C-611E-4AB6-8BE3-47200AD01D31#_ftnref4" name="_ftn4">[4] </a>https://www.oxforddnb.com/view/10.1093/ref:odnb/9780198614128.001.0001/odnb-9780198614128-e-62461;jsessionid=A80F57D8CA3484776EB356F441160DE9</p>
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		<title>Gerald Reitlinger: Auf einem Turm von Schädeln</title>
		<link>https://www.lasteuropeans.eu/gerald-reitlinger-auf-einem-turm-von-schaedeln/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hanno Loewy]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Mar 2023 08:20:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Brunner]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[Kolonialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Letzte Europäer]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
		<category><![CDATA[Völkermord]]></category>
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					<description><![CDATA[Europäisches Tagebuch, 2. März 2023: Heute vor 123 Jahren wurde Gerald Reitlinger geboren. von Hanno Loewy Aus einem Archäologen und Kunstsammler wurde ein Historiker des Holocaust. Das Leben Gerald Reitlingers führte ihn zunächst in die alte Vergangenheit Asiens, bevor ihn die jüngste Vergangenheit Europas dazu brachte, sich in die Archive der Täter zu versenken. Geboren wurde [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Europäisches Tagebuch, 2. März 2023:</strong> Heute vor 123 Jahren wurde Gerald Reitlinger geboren.</p>
<p><em>von Hanno Loewy</em></p>
<p>Aus einem Archäologen und Kunstsammler wurde ein Historiker des Holocaust. Das Leben Gerald Reitlingers führte ihn zunächst in die alte Vergangenheit Asiens, bevor ihn die jüngste Vergangenheit Europas dazu brachte, sich in die Archive der Täter zu versenken.</p>
<p>Geboren wurde der jüngste Sohn von Albert Reitlinger und Emma Brunner – die aus der gleichnamigen Hohenemser Familie stammte – am 2. März 1900 in London. Nach seinem Kunststudium an Londoner Akademien und der Kulturwissenschaften in Oxford nahm Reitlinger 1930-31 an Ausgrabungen im Irak teil, unternahm Forschungsreisen in den Iran, die Türkei und nach China. 1932 erschien sein Buch <em>A Tower of Skulls. A Journey Through Persia and Turkish Armenia.</em> Daneben sammelte er mit Begeisterung syrische wie persische Keramik – und lebte das Leben eines exzentrischen Connaisseurs, der für seinen galligen Humor bekannt war.</p>
<div id="attachment_2818" style="width: 692px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-2818" decoding="async" loading="lazy" class="size-full wp-image-2818" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/18_Gerald_Reitlinger_Portrait_by_John_Christopher_Wood_1926_Ashmolean_Museum.jpg" alt="" width="692" height="897" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/18_Gerald_Reitlinger_Portrait_by_John_Christopher_Wood_1926_Ashmolean_Museum.jpg 692w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/18_Gerald_Reitlinger_Portrait_by_John_Christopher_Wood_1926_Ashmolean_Museum-231x300.jpg 231w" sizes="(max-width: 692px) 100vw, 692px" /><p id="caption-attachment-2818" class="wp-caption-text">Gerald Reitlinger, Portrait von Christopher Wood; © Ashmolean Museum, Wikimedia Commons</p></div>
<p>Im Zweiten Weltkrieg diente er in der britischen Armee zunächst in der Luftabwehr, dann als Ausbilder. Doch nach 1945 widmete er sein Leben der Erforschung des Holocaust. 1953 veröffentlichte er in London die erste Gesamtdarstellung der Schoa: <em>The Final Solution</em>. Betroffen und skeptisch stellt er den nationalen Gedächtnisverlust in Frage, der die ehemaligen Täterländer bald flächendeckend erfasst hatte. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte lehnte es ab, Reitlingers Buch zu veröffentlichen. Man wollte sich in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus nicht von „außen“ stören lassen. Das Buch erschien schließlich trotzdem auf Deutsch unter dem Titel <em>Endlösung. </em>1956 folgte seine Studie über <em>The SS. Alibi of a Nation 1922-1945</em>. Das Buch bekam von seinem deutschen Verlag freilich einen weniger sarkastischen Titel verpasst, um sie dem deutschen Publikum schmackhaft zu machen: <em>Die SS – Tragödie einer deutschen Epoche</em>. Noch ein drittes Buch über die NS-Verbrechen folgte. <em>The House Built on Sand. The Conflicts of German Policy in Russia 1939–1945 </em>erschien 1960 in London, und unter dem Titel <em>Ein Haus auf Sand gebaut. Hitlers Gewaltpolitik in Russland 1941–1944 auch </em>auf Deutsch.<br />
Reitlinger schrieb über den Holocaust mit unbestechlichem Blick. Aber selbst dem Studium der monströsen Aktenbestände der SS gewann er mit bissigem Sarkasmus einen schwachen Optimismus ab: „Hiob wünschte in seinem Elend, sein Widersacher möge ein Buch schreiben, und sein Gebet wurde erhört, denn es gibt in Wahrheit nichts, das dieser Widersacher nicht zu Papier gebracht hätte. Ich habe fast volle vier Jahre unter diesen Urkunden verbracht und habe ihre Gesellschaft nicht nur düster oder niederdrückend gefunden. Denn auf vielen Seiten huscht und glimmt etwas, ohne das jede Regierung eine Hölle auf Erden wäre – menschliche Fehlbarkeit. (…) Es kann sein, daß mörderisches Rassegefühl unausrottbar in der Natur von Ameisen und Menschen liegt; der Roboterstaat jedoch, der ihm vollen Ausdruck geben würde, kann und wird niemals von Bestand sein.“</p>
<p>Und doch endet sein Buch mit unbequemen Fragen und zugleich mit einer großbürgerlichen Sehnsucht nach „alten Werten“:<br />
„Ist die Beseitigung von auserlesenen Opfern etwas, das geradezu in der Natur des übermächtigen modernen ‚demokratischen‘ Staates verborgen liegt? Kann es wieder geschehen, und kann es in andern Ländern geschehen? Es mag lange dauern, bevor wir die Antwort auf diese Fragen kennen, die wie ein roter Faden durch dieses ‚Postmortem‘ über die Endlösung laufen.<br />
Es ist schwer zu glauben, daß es in Deutschland oder im deutschbesetzten Teil Europas einen Menschen gab, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war und während der letzten zwei Jahre des Krieges nicht wußte, daß die meisten Juden verschwunden waren, oder nicht irgendwo gehört hätte, daß sie erschossen oder vergast worden sind. Ebensowenig nehme ich an, daß es einen Menschen gab, der nicht einen Freund hatte, der jemanden kannte, der ein Massaker gesehen hatte. Mehr als hundert Millionen Menschen müssen von diesen Dingen gewußt und über sie im Flüsterton mit andern gesprochen haben. (…) Der Deutsche von 1933 war eine Art Karikatur der europäischen Zivilisation, die um so leichtfertiger, habgieriger und unkritischer wurde, je mehr materieller Fortschritt die alten Werte untergrub.“</p>
<p>Nach seinen drei Büchern über die NS-Verbrechen kehrte Reitlinger zur Kunst- und Kulturgeschichte zurück. Sein dreibändiges Werk <em>The Economics of Taste </em>(1961-1970) widmet sich der Geschichte des Kunstmarktes von 1760 bis zur Gegenwart. Seine eigene, bedeutende Sammlung, die kurz vor seinem Tod 1978 durch ein Feuer in seinem Haus beschädigt wurde, vermachte er dem Ashmolean Museum in Oxford, wo sie heute die „Gerald Reitlinger Gallery“ bildet.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Eugenie Goldstern – Europäische Ethnologie zwischen Pogrom und Massenvernichtung</title>
		<link>https://www.lasteuropeans.eu/eugenie-goldstern-europaeische-ethnologie-zwischen-pogrom-und-massenvernichtung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hanno Loewy]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Mar 2023 09:00:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Frauenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Holocaust]]></category>
		<category><![CDATA[Identitäten]]></category>
		<category><![CDATA[Jüdische Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Letzte Europäer]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
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					<description><![CDATA[Europäisches Tagebuch, 01. März 2023: Heute vor 139 Jahren kam (wahrscheinlich) Eugenie Goldstern in Odessa zur Welt. von Raphael Einetter Eugenie (auch Jenja bzw. Jenny) Goldsterns Geburtsdatum ist nicht abschließend geklärt. So tauchen sowohl der 16. Dezember 1883 als auch der 1. März 1884 in Quellen und Literatur auf. Gesichert ist jedenfalls, dass sie im [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Europäisches Tagebuch, 01. März 2023:</strong> Heute vor 139 Jahren kam (wahrscheinlich) Eugenie Goldstern in Odessa zur Welt.</p>
<p><em>von Raphael Einetter</em></p>
<p>Eugenie (auch Jenja bzw. Jenny) Goldsterns Geburtsdatum ist nicht abschließend geklärt. So tauchen sowohl der 16. Dezember 1883 als auch der 1. März 1884 in Quellen und Literatur auf. Gesichert ist jedenfalls, dass sie im damals zum russischen Kaiserreich zählenden (und heute ukrainischen) Odessa geboren wurde. Als Tochter einer wohlhabenden Familie entstammte sie als vierzehntes Kind der Ehe des Kaufmanns Abraham Goldstern (1832-1905) und dessen Frau Marie Goldstern, geb. Kitower (1844-1913). Die Familie war stark von deutsch-österreichischen Einflüssen geprägt, weshalb die Umgangssprache auch deutsch war, wie Gerhard Milchram bereits 2009 in seinem Beitrag zum Ausstellungskatalog <em>Hast du meine Alpen gesehen?</em> festhielt. Darin ging er auch darauf ein, dass besonderen Wert auf die Erziehung von Eugenie Goldstern und ihren Geschwistern gelegt wurde, was sich an der Anstellung von französischen Gouvernanten, englischen Kindermädchen sowie deutschen Hauslehrern ablesen ließ. 1905 flüchtete Eugenie Goldstern mit einem Teil ihrer Familie vor den Pogromen, bei denen zaristische Soldaten in Odessa ein Blutbad anrichteten, nach Wien.</p>
<div id="attachment_2807" style="width: 291px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-2807" decoding="async" loading="lazy" class=" wp-image-2807" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/Portraet_Goldstern-210x300.jpg" alt="" width="291" height="416" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/Portraet_Goldstern-210x300.jpg 210w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/Portraet_Goldstern.jpg 449w" sizes="(max-width: 291px) 100vw, 291px" /><p id="caption-attachment-2807" class="wp-caption-text">Eugenie Goldstern, um 1910; Sammlung Frances Freemann, Wellington</p></div>
<p>Dort absolvierte sie das Gymnasium, interessierte sich für Volkskunde und besuchte ab 1911 als Gasthörerin an der Universität Wien die Vorlesungen von Michael Haberlandt, der zur selben Zeit das Amt als Direktor des Volkskundemuseums Wien angetreten hatte. Das Programm des Vereins für Volkskunde las sich &#8211; freundlich betrachtet &#8211; wie ein Programmtext vergleichender, europäischer Ethnografie:</p>
<p>„Von den Karpaten bis zur Adria wohnt in dem von Natur und Geschichte gefügten Rahmen des Vaterlandes eine bunte Fülle von Völkerstämmen, welche wie in einem Auszug die ethnographische Mannigfaltigkeit Europas repräsentiert. Germanen, Slaven und Romanen – die Hauptstämme der indo-europäischen Völkerfamilie – setzen in verschiedener historischer Schichtung und nationalen Abschattungen die österreichische Bevölkerung zusammen. Wir bekümmern uns aber nicht um die Nationalitäten selbst, sondern um ihre volksthümliche, urwüchsige Grundlage.“</p>
<p>Doch verleugnete dieser „vergleichende“ Blick, wie sich bald zeigen würde, weder seine rassistischen Prämissen, noch seine paternalistische, deutsch-österreichische Perspektive.</p>
<p>Da eine Promotion in Wien für sie nicht möglich war, setzte die sprachgewandte Eugenie Goldstern, die neben ihrer deutschen Muttersprache auch des Russischen, Polnischen und Französischen mächtig war, ihre Studien beim französischen Ethnologen Arnold van Gennep im schweizerischen Neuchâtel fort. Van Genneps bahnbrechende Studien zur Ethnografie der Initiationsrituale, der „rites de passage“, sollten den Weg zur strukturalistischen Entdeckung der tiefgreifenden Gemeinsamkeiten ganz unterschiedlicher „Kulturen“ öffnen. Und so waren auch Goldsterns Forschungen zum Lebensalltag und zur materiellen Kultur der Menschen in den Alpen von einer vergleichenden Perspektive geprägt, sie sowohl Osteuropa aber auch außereuropäische Gesellschaften mit in den Blick nahm.</p>
<div id="attachment_2809" style="width: 442px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-2809" decoding="async" loading="lazy" class=" wp-image-2809" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/A_461x_Dissertation_Goldstern.jpg" alt="" width="442" height="674" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/A_461x_Dissertation_Goldstern.jpg 301w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/A_461x_Dissertation_Goldstern-197x300.jpg 197w" sizes="(max-width: 442px) 100vw, 442px" /><p id="caption-attachment-2809" class="wp-caption-text">Bessans. Volkskundliche monographische Studie über eine savoyische Hochgebirgsgemeinde. Inauguraldissertation von Eugenie Goldstern, Wien 1922</p></div>
<p>In der Schweiz unternahm sie im Rahmen ihrer Feldforschung Reisen durch entlegene Regionen in den Alpen, wie beispielsweise 1912 in die Hochgebirgstäler des Wallis. Im Winter 1913/1914 beobachtete, fotografierte und dokumentierte sie mehrere Monate das Leben der Menschen im französischen Bessans in Hochsavoyen, wobei sie auch den sozialen Lebensbedingungen ihre Aufmerksamkeit widmete. Schließlich lebte sie monatelang mit den Menschen dort zusammen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach ihre Forschungen, die sie nach ihrer erzwungenen Rückkehr nach Österreich zunächst im Lammertal in Salzburg fortsetzte. 1918 konnte sie die Feldforschung im schweizerischen Wallis bzw. Graubünden wieder aufnehmen und ihr Studium 1921 schließlich mit der Promotion in Fribourg (Schweiz) bei Paul Girardin beenden. In ihrer Dissertation behandelte sie die Hochgebirgsvölker in Savoyen und Graubünden, insbesondere jene von Bessans sowie des Münstertals in Graubünden.</p>
<p>Während sich die Wiener Volkskunde immer stärker über Rassismus und Antisemitismus definierte, veröffentlichte die Wissenschaftlerin 1924 nochmals Erkenntnisse ihrer Studien zu „alpinen Spielzeugtieren“ und schenkte dem Wiener Volkskundemuseum mehrmals Objekte aus ihrer, über die Jahre gewachsenen, Forschungssammlung.</p>
<div id="attachment_2811" style="width: 314px" class="wp-caption alignleft"><img aria-describedby="caption-attachment-2811" decoding="async" loading="lazy" class=" wp-image-2811" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/Krampus_mit_Kind.jpg" alt="" width="314" height="681" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/Krampus_mit_Kind.jpg 249w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/Krampus_mit_Kind-138x300.jpg 138w" sizes="(max-width: 314px) 100vw, 314px" /><p id="caption-attachment-2811" class="wp-caption-text">Krampus mit Kind aus Bessans, 19. Jhdt,, Sammlung Eugenie Goldstern, Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien, Foto: Österreichisches Museum für Volkskunde</p></div>
<p>Die angestrebte Karriere in Wien blieb ihr als jüdischer Frau jedoch verwehrt und so zog sich Goldstern gezwungenermaßen aus der Wissenschaft zurück. Ihre Leistungen wurden zu ihren Lebzeiten weder in Österreich noch in der Schweiz, wo sie dem alpinen Museum in Bern einen kleineren Teil ihrer Sammlung schenkte, wirklich anerkannt. Unverheiratet und kinderlos half sie in weiterer Folge ihrem Bruder Samuel Goldstern der seit 1915 und bis zur Arisierung 1938 die Fango-Heilanstalt in der Wiener Lazarettgasse leitete. Die meisten Familienmitglieder konnten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten aus Österreich flüchten, doch Eugenie Goldstern blieb, gemeinsam mit ihrem Bruder Sima Goldstern, weiterhin in Wien. Am 14. Juni 1942 musste sie am Bahnhof Wien Aspang einen Deportationszug nach Lublin besteigen. Nach der Ankunft wurde sie als „nicht arbeitsfähig“ selektiert und ins Vernichtungslager Sobibor verschleppt, wo sie &#8211; wahrscheinlich am 17. Juni – bei Ihrer Ankunft ermordet wurde.</p>
<p>Ihre Sammlung blieb lange Zeit in beiden Museen unbeachtet. 1999 machte Albert Ottenbacher mit seiner Eugenie Goldstern-Biografie zum ersten Mal ein größeres Publikum auf sie aufmerksam und 2005 wurde ihr im Wiener Museum für Volkskunde eine erste Ausstellung gewidmet.</p>
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		<item>
		<title>René Samuel Cassin und die Menschenrechte</title>
		<link>https://www.lasteuropeans.eu/rene-samuel-cassin-und-die-menschenrechte-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Hanno Loewy]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Feb 2023 13:00:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europäisches Recht]]></category>
		<category><![CDATA[Jüdische Perspektiven]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Frieden]]></category>
		<category><![CDATA[Letzte Europäer]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Tagebuch]]></category>
		<category><![CDATA[Vereinte Nationen]]></category>
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					<description><![CDATA[Europäisches Tagebuch, 20. Februar 2023: Heute vor 47 Jahren starb der Jurist und Völkerrechtler René Cassin. von Hanno Loewy 1968 wurde René Samuel Cassin für seine Verdienste um die Menschenrechte der Friedensnobelpreis verliehen. Geboren wurde er am 5. Oktober 1887 in Bayonne. Sein Vater Azarie Henri Cassin entstammte einer sefardischen, portugiesisch-marranischen Familie und war als [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Europäisches Tagebuch, 20. Februar 2023:</strong> Heute vor 47 Jahren starb der Jurist und Völkerrechtler René Cassin.</p>
<p><em>von Hanno Loewy</em></p>
<p>1968 wurde René Samuel Cassin für seine Verdienste um die Menschenrechte der Friedensnobelpreis verliehen.<br />
Geboren wurde er am 5. Oktober 1887 in Bayonne. Sein Vater Azarie Henri Cassin entstammte einer sefardischen, portugiesisch-marranischen Familie und war als Weinhändler in Nizza tätig. Seine Mutter Gabrielle Dreyfus stammte hingegen aus einer elsässisch-jüdischen Familie.<br />
Cassin zog als promovierter Jurist in den 1. Weltkrieg und kehrte schon im Oktober 1914 schwer verwundet zurück. Noch während des Krieges gründete er mit anderen Kriegsteilnehmern die „Union fédérale“, den französischen Verband der Kriegsopfer, dem er von 1922 als Präsident vorstehen sollte. 1921 und 1924 organisierte er Konferenzen von Kriegsversehrten und Veteranen, die für Verständigung und Friedensabkommen zwischen den verfeindeten Nationen eintraten. Er tat dies freilich als französischer Patriot, der von einer universellen französischen Mission überzeugt war: „Wir verkörpern seit Jahrhunderten ein Ideal der Freiheit, der Unabhängigkeit, der Menschlichkeit“, deshalb seien die Mitglieder der Union fédérale die „Vertreter der französischen Moral in der Welt“.</p>
<p>Als Professor lehrte er Völkerrecht, ab 1920 in Lille, dann ab 1929 an der Sorbonne in Paris. Vor allem aber war Cassin in unzähligen Nichtregierungsorganisationen und politischen Ämtern aktiv. Von 1924 bis 1938 vertrat er Frankreich beim Völkerbund. 1940 emigrierte er nach London und gründete mit Charles de Gaulle „France Libre“, die französische Exilarmee in den britischen Streitkräften.</p>
<div id="attachment_2799" style="width: 1008px" class="wp-caption aligncenter"><img aria-describedby="caption-attachment-2799" decoding="async" loading="lazy" class="size-large wp-image-2799" src="http://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/14_Rene_Cassin_Comite_national_francais_Charles-de-Gaulle-und-Rene-Cassin_mitte_London_1942_Keystone_gemeinfrei-1024x773.jpg" alt="" width="1008" height="761" srcset="https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/14_Rene_Cassin_Comite_national_francais_Charles-de-Gaulle-und-Rene-Cassin_mitte_London_1942_Keystone_gemeinfrei-1024x773.jpg 1024w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/14_Rene_Cassin_Comite_national_francais_Charles-de-Gaulle-und-Rene-Cassin_mitte_London_1942_Keystone_gemeinfrei-300x226.jpg 300w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/14_Rene_Cassin_Comite_national_francais_Charles-de-Gaulle-und-Rene-Cassin_mitte_London_1942_Keystone_gemeinfrei-768x580.jpg 768w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/14_Rene_Cassin_Comite_national_francais_Charles-de-Gaulle-und-Rene-Cassin_mitte_London_1942_Keystone_gemeinfrei-1536x1160.jpg 1536w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/14_Rene_Cassin_Comite_national_francais_Charles-de-Gaulle-und-Rene-Cassin_mitte_London_1942_Keystone_gemeinfrei-1008x761.jpg 1008w, https://www.lasteuropeans.eu/wp-content/uploads/2023/02/14_Rene_Cassin_Comite_national_francais_Charles-de-Gaulle-und-Rene-Cassin_mitte_London_1942_Keystone_gemeinfrei.jpg 2048w" sizes="(max-width: 1008px) 100vw, 1008px" /><p id="caption-attachment-2799" class="wp-caption-text">Rene Cassin (mitte rechts) im Comité National Français mit Charles de Gaulle, London 1942, Foto: Keystone; © Wikimedia Commons</p></div>
<p>Von 1941 bis 1943 wurde er Nationalkommissar der Freien Französischen Regierung in London und 1944 gehörte er zu den Initiatoren des Französischen Komitees für die Nationale Befreiung in Algier und bereitete als Präsident deren juristischer Kommission die französische Gesetzgebung nach 1945 vor. 1944 wurde er Vizepräsident des französischen Staatsrates, eine Funktion, der er bis 1960 innehatte. 1946 wurde er außerdem Präsident der französischen Elite-Hochschule École nationale d’Administration.</p>
<p>Von 1946 bis 1958 vertrat er Frankreich bei den Vereinten Nationen und gehörte zu den Begründern der UNESCO. Vor allem aber gehörte er zum engsten Kreis der Verfasser der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen“, zusammen u.a. mit Karim Azkoul, dem libanesischen Diplomaten und Philosophen.<br />
Von 1959 bis 1968 schließlich war er Vizepräsident, dann Präsident des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes.</p>
<p>Eine Palästinareise in den 1930er Jahren, vielleicht auch sein sefardisches Familienerbe, hatte ihn dazu motiviert sich für die Förderung der arabisch-jüdischen Bevölkerung Palästinas einzusetzen. Nach 1945 wurde er neben seinen vielen anderen Ämtern auch Präsident der „Alliance Israelite Universelle“ (die im 19. Jahrhundert die Ideale der französischen Revolution vertrat und europäische Bildung unter orientalischen Juden verbreiten sollte, nicht ohne eine gewisse Portion europäisch-kolonialem Hochmut).</p>
<p>„Hitlers Hauptziel war die Auslöschung der Juden“, schrieb Cassin, „aber ihre Vernichtung war auch Teil einer Attacke auf Alles, wofür die Französische Revolution stand: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Menschenrechte. Hitlers Rassismus war im Kern ein Versuch, die Prinzipien der Französischen Revolution auszulöschen.“ Das hinderte Cassin zwar nicht, nach der Vernichtung des europäischen Judentums das jüdisch-nationale, zionistische Projekt zu unterstützen. Doch forderte er nach 1945 auch klare Einschränkungen nationaler Souveränität in allen Fragen der Menschenrechte, die vor jeder nationalen Gesetzgebung Vorrang haben müssten und auch mit Zwangsmaßnahmen durchgesetzt werden müssten.<br />
Sein Eintreten für soziale Rechte weckte in den USA Misstrauen. Ein Beamter des State Department stand nicht an, ihn als „Kryptokommunisten“ zu bezeichnen. Doch neben seinem Engagement für die Menschenrechte und für die Ideale der Gleichheit, blieb Cassin in vielen gesellschaftspolitischen Fragen ein klassisch konservativer Liberaler. So hatte er gegenüber der rechtlichen Gleichstellung von Frauen eine zögerliche Haltung, ja er stimmte im französischen Exilparlament in Algier sogar gegen eine sofortige Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts. Cassin starb am 20. Februar 1976 in Paris.</p>
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