Stefan Zweig: Café Europa

Europäisches Tagebuch, 28.11.2020: Heute vor 139 Jahren wurde Stefan Zweig in Wien geboren. Am 23. Februar 1942 nahm er sich im Exil, im brasilianischen Petropolis das Leben.
Unterwegs zu dieser letzten Zuflucht, in den Monaten seines Exils in den USA, schrieb er seine Autobiografie Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers. Als wir in Hohenems 2014 einen Blick zurück auf die ersten Europäer warfen, auf die Habsburger Juden bis zum ersten Weltkrieg 1914, bildete Stefan Zweigs kritischer, wehmütiger und ironischer Rückblick auf die “Welt der Sicherheit”, das “Traumschloss” der Habsburger Monarchie und des vom Glauben an Humanität und Fortschritt beseelten Europas, dass sich von 1914 bis 1945 als tödliche Illusion herausstellte, sozusagen den Epilog. Einige Seiten aus seinem Manuskript konnten wir damals im Original aus der Library of Congress in Washington ausleihen.

Stefan Zweig über die Hohenemser Familie seiner Mutter Ida Brettauer

Im Vorwort seiner Autobiographie schrieb Stefan Zweig von den Erschütterungen Europas, und was es bedeutete: “als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist jeweils just dort gestanden zu sein, wo diese Erdstöße am heftigsten sich auswirkten. (…) Aber ich beklage mich nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts mehr Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. (…) Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger, aber man suche sie nicht auf der Karte: sie ist weggewaschen ohne Spur. Ich bin aufgewachsen in Wien, einer zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum weitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege.”
Stefan Zweig war erster und letzter Europäer zugleich. Vor einem der Häuser, in dem seine Hohenemser Familie im 19. Jahrhundert lebte, steht heute eine Plastik, die an Walter Benjamin erinnert und an seinen “Engel der Geschichte” – der so wie Zweigs “Welt von gestern” zu seinem Vermächtnis wurde, bevor er sich 1940 auf der Flucht nach Spanien an der Grenze das Leben nahm.
Stefan Zweig gelang die Flucht, aber die Zerstörung Europas verfolgte ihn auch ins Exil, bis zu jenem Tag im Februar 1942, als ihn die Kraft weiterzumachen offenbar verlassen hatte. Sein Abschiedsbrief sollte Jahre später bei einem anderen Emigranten in Petropolis landen, auch er ein Nachkomme aus Hohenems.

Das Willy Brandt Center in Jerusalem lädt am Samstag, den 28. November 2020 zu einer Online Veranstaltung zu Erinnerung an Stefan Zweig ein, von 13.00 bis 21.00 (Mitteleuropäische Zeit).

Zugang zum Zoom Video livestream:

https://us02web.zoom.us/j/83094429169?pwd=bG4wU1dWaEhmc0c4bWJ5Y2tUcTg1UT09
Die Geburtstagsfeier für Stefan Zweig (1881-1942) bietet Lesungen, Reflexionen und Musik aus Jerusalem und Ramallah, Hohenems und Wien, Berlin und Addis Abeba, London, Paris, Tel Aviv und Zürich.
Die Hohenemser Session beginnt um 16.30 (MEZ) und erinnert an Zweigs Hohenemser Herkunft und an seinen letzten Weg nach Brasilien, an erste und letzte Europäer. Zu hören sind Hanno Loewy, der Schauspieler Michael Schiemer und die “Welt von gestern”, und der brasilianische Musiker Sergio Wagner.
Danke an Petra Klose für die wunderbare Idee und Organisation dieser Veranstaltung.
Hier noch ein Überblick über das gesamte Programm:
1pm (MEZ) Jerusalem Session – in English
We will welcome you with stunning views from the roofs of the Willy Brandt Center and the Austrian Hospice,
followed by a performance of Stefan Zweig’s text about Viennese coffeehouses by Guy Bracca who will read to us from the Café Triest.
After that enjoy with us a musical performance of Zweig’s favourite composers Beethoven and Mozart by pianist Dima Milenova
followed by an interview with the young writer Iman Hirbawi, participant of the Willy Brandt Center’s Young Writers Project.
2pm (MEZ) Addis Ababa Session – in English
Filmmaker Terhas Berhe presents to us the Ethiopian world of coffeehouses and ceremonies in Addis Ababa
2.30pm (MEZ) Berlin Session – in German
Actress Joanna Castelli reads from Stefan Zweig’s World of Yesterday and his discovery of freedom in Berlin.
3pm (MEZ) Talk with Avraham Burg – in English
Avraham Burg speaks about Stefan Zweig’s universal approach to Judaism, his concept for Europe and his legacy today.
3.30pm (MEZ) Tel Aviv Session – in German
Interview with journalist Peter Münch about what Stefan Zweig tells us today from a European perspective.
4pm (MEZ) Zurich Session – in German
Dramatic reading with actor Christian Manuel Oliveira about Stefan Zweig’s impressions of wartime Zurich
4.30pm (MEZ) Hohenems Session – in German
Sergio Wagner brings music from Brasil to the Café Europe.
Hanno Loewy, director of the Jewish Museum in Hohenems talks about the current exhibition “The last Europeans” and Stefan Zweig’s family connections to Hohenems,
followed by a reading of actor Michael Schiemer.
5.30pm (MEZ)Paris Session
Musical performance of Debussy’s Prélude “Danseuses de Delphes” by pianist Emmanuel Strosser
6pm (MEZ) Vienna Session – in German
Readings by the authors Anna Goldenberg, Doron Rabinovici and Timna Brauer
In cooperation with the Austrian Cultural Forum Tel Aviv
7pm (MEZ) London Session – in English
Introduction and a performance by Rita Manning and Chris Laurence
7.30pm (MEZ) Vienna Session – in English
Readings by the authors Julya Rabinowich and Nadine Sayegh with a musical performance of oud player Marwan Abado
In cooperation with the Austrian Cultural Forum Tel Aviv
8pm (MEZ) Ramallah Session
Performance of “La Vie en Rose” from the Palestinian artist Café Garage by accordion player Mohammad Qutati
8.30 pm (MEZ) Jerusalem Session – in English
Presentation of the Young Writer’s Project with photographer Iuna Viera and young author Hagar Mizrachi Dudinksi.
We will close the program with a dramatic reading of Stefan Zweig by actor Alex Ansky.

Georg Kreisler: Ich fühl mich nicht zuhause

Europäisches Tagebuch, 22.11.2020: Heute vor neun Jahren starb in Salzburg Georg Kreisler, der jüdische Anarchist, absurde Dichter und Sänger am Klavier. 1938 war Kreisler, 1922 in Wien geboren, mit seinen Eltern in die USA geflohen, wurde 1943 US-amerikanischer Staatsbürger, unterhielt amerikanische Soldaten in England musikalisch und begann eine kurvenreiche Karriere als Alleinunterhalter.

Wenn alles stimmt, was man so über ihn erzählt, oder er selber über sich erzählte, dann verhörte er nach dem Krieg Julius Streicher und Hermann Göring in Nürnberg, ließ sich in Hollywood von Charlie Chaplin die Melodie des Films „Monsieur Verdoux“ vorpfeifen um sie seinerseits Hanns Eisler vorzupfeifen, und spielte angeblich Klavier, wenn man Chaplin am Klavier sah. Aber man verstand Kreisler wohl gründlich falsch, wenn man ihm alles glaubte, was er sagte.

Ob es stimmt, dass seine Lieder den Amerikanern zu makaber waren? 1950 jedenfalls bekam er das Angebot in der New Yorker Monkey Bar regelmäßig aufzutreten. In seiner New Yorker Zeit muss er auch seinen frechen, und durchaus makabres liebenden Alleinunterhalterkollegen Tom Lehrer gehört haben, der mit Songs wie „Let’s poison pigeons in the Park“ durchaus die Grenzen der amerikanischen Bereitschaft auslotete, sich auf makabre Kulturkritik einzulassen.

Zurück in Wien, wo Kreisler sich 1956 wieder niederließ, trat er bald in der legendären Marietta Bar auf, zusammen mit Gerhard Bronner, Peter Wehle und Helmut Qualtinger – und wurde unter anderem mit „seinem“ Lied „Tauben vergiften im Park“ berühmt und berüchtigt. Doch zu seiner Ehre sei gesagt, die meisten wunderbaren Lieder aus dieser Zeit und den Jahren die nun kamen, waren durchaus von ihm selbst, eines böser und giftiger als das andere. 1958 zog er mit seiner, inzwischen dritten, Ehefrau Topsy Küppers nach München, 1972 folgte ein nach wenigen Monaten sang und klanglos beendeter Versuch, nach Israel zu gehen. Stattdessen ging es nun nach Berlin, wo er bei den Wühlmäusen und den Stachelschweinen auftrat. 1988 zog er in die Nähe von Salzburg und 1992 nach Basel. Von 2007 bis zu seinem Tod lebte er schließlich wieder in Salzburg, unbestechlich die Zeitläufte kommentierend, wie eh und je. Und natürlich – Geschichten erzählend über ein unglaubliches Leben.

 

Eines seiner schönsten Lieder hat Kreisler 1966 auf seiner Schallplatte „Nichtarische Arien“ veröffentlicht: „Ich fühl mich nicht zuhause“.

 

 

Und hier der Text:

Ich war bei meiner Schwester in Berlin
Sie will ich soll auf immer zu ihr zieh’n
Ihr Mann ist jetzt gestorben, a Schlemihl
Und hat ihr hinterlassen viel zu viel
Sie hat a Wohnung, da ist alles drin
Sie kennt die allerbesten Leut’ –
Doch ich sprach: “Schwester, wenn ich ehrlich bin
Mir macht das Leben hier ka Freud’

Ich fühl mich nicht zu Hause
Zu Hause
Zu Hause
Ich bin, soweit ich sehe
Für dieses Leben zu primitiv
Ich fühl mich nicht zu Hause
Zu Hause
Zu Hause
Verzeih mir, wenn ich gehe
Ich schreib dir bald an Brief.”

Ich fuhr zu meinem Bruder nach New York
Der lebt dort schon seit Jahren ohne Sorg’
Sein Umsatz ist pro Anno a Million
Und deshalb wollt er mich als Kompagnon
Ja, den sein Business war so gut wie Gold
Ich hätt’s auch gern mit ihm geführt
Doch als ich endlich unterschreiben sollt
Da hab ich plötzlich klar gespürt:

Ich fühl mich nicht zu Hause
Zu Hause
Zu Hause
Was gehen mich an die Yankees?
Auch wenn ich dabei Geld verlier’
Ich fühl mich nicht zu Hause
Und deshalb
Mein Bruder
Auch wenn es ein Geschenk is
Ich lass’ das Business dir

Dann fuhr ich zu mein’ Schwager, Mojsche Grün
Der wohnt in Buenos Aires, Argentin
Er hat a Hazienda, sitzt am Pferd
Und pflanzt sich die Bananen in die Erd
Und Señoritas gibt es schöne hier
Ich hab mit vielen gleich frohlockt
Doch als mein Schwager sagte: “Bleib bei mir!”
Da hab ich traurig ihm gesogt:

“Ich fühl mich nicht zu Hause
Zu Hause
Zu Hause
Was solln mir Señoritas
Und Sonnenschein und blaues Meer?
Ich fühl mich nicht zu Hause
Zu Hause
Zu Hause
Und jeder Cowboy sieht, dass
Ich hier nicht hingehör!”

Doch plötzlich wusst ich, wo ich hingehör
Ich nahm das nächste Schiff zum Mittelmeer
Und fuhr in großer Eile, sehr fidel
In meine wahre Heimat Israel –
Doch das war leider überhaupt nicht schlau
Hier gibt mir niemand an Kredit
Und was versteh denn ich vom Ackerbau?
Und alle reden nur Ivrith

Ich fühl mich nicht zu Hause’
Zu Hause
Zu Hause
Ich spür’s in allen Poren
Auch wenn ich hier zu Hause bin
Ich fühl mich nicht zu Hause
Zu Hause
Zu Hause
Ich hab hier nichts verloren
Und wo soll ich denn hin?

So kam ich voller Unglück und voll Glück
In mein geliebtes Stätel hier zurück
Der Umgang ist mit mir zwar sehr verpönt
Man hat sich an mein Wegsein schon gewöhnt
Jetzt heißt es, tiefgeduckt und mißgetraut!
Und wer nicht mitmacht, der macht mit
Jetzt werd’ ich von der Seite angeschaut
Und krieg symbolisch einen Tritt

Jetzt fühl ich mich zu Hause
Zu Hause
Zu Hause
Im Ausland nur zu sitzen
War auf die Dauer ungesund
Denn hier bin ich zu Hause
Zu Hause
Zu Hause
Hier kann man mich benützen –
Und hier geh ich zu Grund

Barbara: Göttingen

Europäisches Tagebuch, 24.11.2020: Heute vor dreiundzwanzig Jahren starb Barbara Brodi, geboren 1930 als Monique Andrée Serf, bekannt freilich vor allem unter dem Namen, mit dem sie die Chansonsbühnen der Welt eroberte: Barbara.

Barbara in Amsterdam, 19 October 1965

Ihr Vater Jacques Serf stammte aus dem Elsass, ihre Mutter Esther Brodsky aus Odessa. 1940 floh sie mit ihrer Familie als Juden aus dem von den Deutschen besetzten Teil Frankreichs. Sie konnte schließlich in einer kleinen Landgemeinde im Südosten Frankreichs untertauchen, und erlebte 1944 die Befreiung im Versteck, inzwischen in der Nähe von Paris. Ein Musiklehrer aus der Nachbarschaft hörte sie singen und bald erhielt sie Gesangs- und Klavierunterricht. Ihre ersten musikalischen Auftritte hatte sie in einem Pariser Kabarett , zog bald nach Brüssel wo sie Chansons von Edith Piaf und Juliette Greco sang. Zurück in Paris trat sie auch mit Liedern ihrer neuen Freunde Jacques Brel und Georges Brassens auf.

Anfang Juli 1964, noch vor ihrem großen Durchbruch ein Jahr später, kam Barbara zu einem Gastspiel ans Junge Theater Göttingen. Sie hatte nur zögerlich zugesagt, und schließlich, vielleicht um die Ernsthaftigkeit dieser ersten Einladung aus Deutschland ein wenig auf die Probe zu stellen, darauf bestanden auf einem Flügel zu spielen. Als sie am 4. Juli 1964 die Bühne betrat stand dort jedoch nur ein Pianino. Sie weigerte sich ohne Flügel aufzutreten. Der wurde schließlich von einer alten Dame in Göttingen ausgeliehen und von zehn Studenten durch die Stadt getragen. Mit zweistündiger Verspätung begann das Konzert. Und Barbara blieb eine Woche. Am letzten Tag schrieb sie ein Lied, dass zum melodiösen Symbol des deutsch-französischen Friedens werden sollte, gesungen von einer jüdischen Sängerin: “Göttingen”. 1967, als sie erneut in Göttingen und diesmal in der ausverkauften Stadthalle auftreten sollte, wurde das Konzert in Frankreich live übertragen.

Und hier der Text auf Französisch und auf Deutsch.

Barbara

Göttingen

Bien sûr ce n’est pas la Seine
Ce n’est pas le bois de Vincennes
Mais c’est bien joli quand même
À Göttingen, à Göttingen

Pas de quais et pas de rengaines
Qui se lamentent et qui se traînent
Mais l’amour y fleurit quand même
À Göttingen, à Göttingen

Ils savent mieux que nous je pense
L’histoire de nos rois de France
Herman, Peter, Helga et Hans
À Göttingen

Et que personne ne s’offense
Mais les contes de notre enfance
Il était une fois commence
À Göttingen

Bien sûr nous, nous avons la Seine
Et puis notre bois de Vincennes
Mais Dieu que les roses sont belles
À Göttingen, à Göttingen

Nous, nous avons nos matins blêmes
Et l’âme grise de Verlaine
Eux c’est la mélancolie même
À Göttingen, à Göttingen

Quand ils ne savent rien nous dire
Ils restent…

Göttingen

Gewiß, dort gibt es keine Seine
Und auch den Wald nicht von Vincennes,
Doch gäb’s viel, was zu sagen bliebe
Von Göttingen, von Göttingen

Paris besingt man immer wieder,
Von Göttingen gibt’s keine Lieder,
Und dabei blüht auch dort die Liebe
In Göttingen, in Göttingen.

Mir scheint, wir sind weit schlecht’re Kenner
In punkto “Frankreichs große Männer”
Als Hermann, Helga, Fritz und Franz
In Göttingen.

Hier spielte auch ganz ohne Frage,
Das Märchen uns’rer Kindertage:
“Es war einmal…”, ja wo begann’s?
In Göttingen.

Gewiß, dort gibt es keine Seine
Und auch den Wald nicht von Vincennes,
Doch sah ich nie so schöne Rosen
In Göttingen, in Göttingen

Das Morgengrau ist nicht das gleiche
Wie bei Verlaine, das silbern-bleiche,
Doch traurig stimmt es auch Franzosen
In Göttingen, in Göttingen

Kommt es mit Worten nicht mehr weiter,
Dann weiß es, Lächeln ist gescheiter:
Es kann bei uns noch mehr erreichen,
Das blonde Kind in Göttingen…

Was ich nun sage, das klingt freilich
Für manche Leute unverzeihlich:
Die Kinder sind genau die gleichen
In Paris, wie in Göttingen.

Laßt diese Zeit nie wiederkehren
Und nie mehr Haß die Welt zerstören:
Es wohnen Menschen, die ich liebe,
In Göttingen, in Göttingen
Doch sollten wieder Waffen sprechen,
Es würde mir das Herz zerbrechen!
Wer weiß, was dann noch übrig bliebe
Von Göttingen, von Göttingen.

Es blühen wunderschöne Rosen
In Göttingen, in Göttingen.
Doch sollten wieder Waffen sprechen,
Es würde mir

das Herz zerbrechen!
Wer weiß, was dann noch übrig bliebe
Von Göttingen, von Göttingen.

Alfred Hermann Fried und der Pazifismus

Europäisches Tagebuch, 11.11.2020: Heute vor 156 Jahren wurde in Wien Alfred Hermann Fried geboren.

Alfred Hermann Fried, um 1911 (Quelle: Wikipedia)

Nach seiner Ausbildung als Buchhändler begann er in Berlin in seinem Beruf zu arbeiten und gründete, gerade vierundzwanzigjährig, mit dem Banklehrling Jacques Gnadenfeld einen Verlag. Ein Jahr später heiratete er dessen Schwester. Doch die Zusammenarbeit im Verlagsgeschäft und bald auch die Ehe mit Gertrud Gnadenfeld endeten unglücklich. Fried wendete seine Energie nun einem neuen, ambitionierteren Projekt zu: dem Weltfrieden.

Gemeinsam mit Bertha von Suttner gab er ab 1892 die pazifistische Zeitschrift Die Waffen nieder! heraus und begründete mit ihr im gleichen Jahr die Deutsche Friedensgesellschaft.

Von da an ist er regelmäßiger Mitorganisator und Gast internationaler Friedenskongresse, Redakteur der Monatlichen Friedenskorrespondenz und Mitarbeiter der Zeitschrift Die Friedenswarte. Unter heftigem Beschuss der wachsenden nationalistischen Kräfte in Deutschland forderten er und seine MitstreiterInnen Friedensverträge und schließlich ein internationales Verbot des Krieges und die Verpflichtung zur Konfliktklärung im Rahmen einer internationalen Gerichtsbarkeit. Auch in der jungen Esperantobewegung engagierte sich Fried und veröffentlichte 1903 sogar ein Lehrbuch der internationalen Hilfssprache, von der er sich Verständigung zwischen den Nationen erwartet.

Weltfriedenskongress 1907

1911 erhielt Fried gemeinsam mit dem niederländischen Juristen Tobias Asser, der wie er aus einer jüdischen Familie stammte, den Friedensnobelpreis. Tobias Asser war entscheidend am Aufbau des Ständigen Schiedshofes in Den Haag und an den Haager Friedenskonferenzen beteiligt. Die dritte Haager Konferenz sollte 1914 stattfinden, und wurde auf 1915 verschoben. Der Rest ist Geschichte. Eine Geschichte von Katastrophen, Verbrechen und Massenmord.
Von der Zensur bedrängt, emigrierte Fried 1914 mit seiner Zeitschrift Friedenswarte in die Schweiz. 1921 starb er nach langer Krankheit im Wiener Rudolfspital.

Leonard Cohen: First we take Manhattan, then we take Berlin

Europäisches Tagebuch 7.11.2020: Heute vor vier Jahren starb Leonard Cohen. Geboren wurde er am 21. September 1934 in Westmount, einem englischsprachigen Vorort von Montreal. Sein Urgroßvater Lazarus stammte aus Litauen und wurde schließlich Präsident der größten jüdischen Gemeinde Montreals, Shaar Hashomayim.

Das Gitarrenspiel erlernte Cohen vor allem, um Mädchen zu beeindrucken. Sein eigentliches Ziel war, Schriftsteller zu werden. Von 1960 bis 1967 lebte er auf der griechischen Insel Hydra, veröffentlichte Gedichtbände, zum Beispiel Flowers for Hitler (1964). 1967 zog er als Singer Songwriter nach New York, ins legendäre Chelsea Hotel, hatte Beziehungen mit ebenso legendären Musikerinnen wie Janis Joplin und Joni Mitchell. Und schrieb einen unvergesslichen Song nach dem anderen.
1972 erklärte er, sich wieder auf die Literatur zu konzentrieren. 1973 tourte er gleichwohl nach dem Beginn des Jom Kippur Krieges mit israelischen Musikern wie Matti Caspi auf dem Sinai und trat vor israelischen Soldaten auf. 1974 folgte ein neues Studioalbum und eine große Tournee. Vom Gedichteschreiben ließ es sich nicht leben.
In den 1990er Jahren dann doch der Rückzug aus dem Musikgeschäft. Cohen wurde buddhistischer Mönch in einem Kloster in den Bergen bei Los Angeles. Doch die Musik ließ in nicht los. Ab 2001 folgten wieder Studioalben und bald neue Tourneen.

Sein letztes Album war so etwas wie ein Kaddisch von Leonard Cohen für sich selbst. „You want it darker“. Es erschien zwei Wochen vor seinem Tod. Darauf war auch der Chor seiner Montrealer Synagoge Shaar Hashomayim zu hören.

Seine Songtexte waren häufig genug rätselhaft, doch so vieldeutig wie „First we take Manhattan, then we take Berlin“ war kaum einer seiner Songs. Hier eine Studioeinspielung aus dem deutschen Fernsehen, die der Mehrdeutigkeit des Textes auch noch eine durchtriebene Bildsprache hinzufügt.

Wer in Ruhe rätseln möchte, was es mit den Schlangen im Bahnhof, und dem Muttermal auf sich hat, der Schönheit der Waffen oder den Zeichen vom Himmel, kann hier gerne seine eigene Textinterpretation versuchen.

They sentenced me to twenty years of boredom
For trying to change the system from within
I’m coming now, I’m coming to reward them
First we take Manhattan, then we take Berlin

I’m guided by a signal in the heavens (guided, guided)
I’m guided by this birthmark on my skin (guided, guided by)
I’m guided by the beauty of our weapons (guided)
First we take Manhattan, then we take Berlin

I’d really like to live beside you, baby
I love your body and your spirit and your clothes
But you see that line there moving through the station
I told you, I told you, told you, I was one of those

Ah, you loved me as a loser
But now you’re worried that I just might win
You know the way to stop me, but you don’t have the discipline
How many nights I prayed for this, to let my work begin
First we take Manhattan, then we take Berlin

I don’t like your fashion business, mister
And I don’t like these drugs that keep you thin
I don’t like what happened to my sister
First we take Manhattan, then we take Berlin

And I thank you for those items that you sent me
The monkey and the plywood violin
I practiced every night, now I’m ready
First we take Manhattan, then we take Berlin

Ah remember me, I used to live for music (baby)
Remember me, I brought your groceries in (ooh baby yeah)
Well it’s Father’s Day and everybody’s wounded (baby)
First we take Manhattan, then we take Berlin

Und wer jetzt immer noch nicht verwirrt genug ist, dem liefert Leonard Cohen selbst, in einem Backstage Interview aus dem Jahr 2010, noch mehr „food for thought“:

“I think it means exactly what it says. It is a terrorist song. I think it’s a response to terrorism. There’s something about terrorism that I’ve always admired. The fact that there are no alibis or no compromises. That position is always very attractive. I don’t like it when it’s manifested on the physical plane – I don’t really enjoy the terrorist activities – but Psychic Terrorism. I remember there was a great poem by Irving Layton that I once read, I’ll give you a paraphrase of it. It was ‘well, you guys blow up an occasional airline and kill a few children here and there’, he says. ‘But our terrorists, Jesus, Freud, Marx, Einstein. The whole world is still quaking.'”

Lew Nussimbaum alias Essad Bey: Ein Grenzgänger zwischen allen Welten

Europäisches Tagebuch, 20.10.2020: Kaum jemand hat so viele Grenzen überschritten wie er, und dies unter vielen verschiedenen Namen. Heute vor 115 Jahren wurde er in Baku oder in Kiew geboren: Lew Abramowitsch Nussimbaum alias Essad Bey alias Kurban Said alias Mohammed Essad-Bey. Sein Vater war ein georgisch-jüdischer Öl-Industrieller, seine Mutter eine russisch-jüdische Revolutionärin, die sich 1911 das Leben nahm. So kümmerte sich eine deutsche Kinderfrau um den jungen Lew, der in Baku das Gymnasium besuchte, bis die Familie vor den Bolschewiken 1918 über das kaspische Meer floh.
Seine Odyssee führte den 15 jährigen Lew 1920 alleine in die deutsche Kolonie Helenendorf in Georgien, von dort über Tiflis, Istanbul, Paris und Rom nach Berlin. 1922 trat Nussimbaum dort zum Islam über, nannte sich fortan Essad Bey und begann sich in der Berliner islamischen Gemeinde zu engagieren. Er studierte Türkisch, Arabisch und islamische Geschichte und wurde mit der literarischen Szene in Berlin bekannt, mit Else Lasker-Schüler, Vladimir Nabokov und Boris Pasternak. Als Journalist schrieb er für deutsche Zeitungen über den “Orient“ und den Islam, und debütierte 1929 mit einem autobiografischen Roman, Öl und Blut, auch als literarischer Autor.

Gedenktafel am Wohnhaus von Essay Bey in Berlin, Fasanenstraße 72. Ohne Erwähnung seiner jüdischen Herkunft…

1932 folgte eine bis heute als Standardwerk geltende Biografie Mohammeds. Seine antikommunistischen Schriften hingegen und die Tatsache, dass seine jüdische Herkunft in Berlin zunächst kein Thema war, verschaffte ihm 1934 auch den Zugang zur Reichsschrifttumskammer. Doch 1936, Essad Bey lebte inzwischen in Wien, erhielt er in Nazi-Deutschland Publikationsverbot. Seinen nächsten Roman, Ali und Nino, veröffentlichte er unter seinem neuen Pseudonym, Kurban Said. Und das Buch wurde auch in Deutschland zu einem großen Erfolg. (Neuauflagen folgten noch in den Jahren 2000 und 2002). 1938 reiste Essad Bey, der inzwischen den italienischen Faschismus verehrte, über die Schweiz nach Italien, vermutlich um eine Mussolini-Biografie zu verfassen. Unter wachsenden physischen Schmerzen erreichte er Positano in Süditalien, wo an ihm die Raynaudsche Krankheit diagnostiziert wurde. Seine deutsche Kinderfrau aus Baku pflegte ihn in seinen letzten Lebensmonaten, in denen er seinen letzten, bislang unveröffentlichten Roman Der Mann, der nichts von der Liebe verstand vollendete. 1942 starb Lew Nussimbaum alias Essad Bey alias Kurban Said in Positano.
Seine verrückte Biografie schrieb der amerikanische Journalist Tom Reiss. Sein Buch The Orientalist. Solving the Mystery of a Strange and Dangerous Life ist in deutscher Übersetzung von Jutta Bretthauer 2008 unter dem Titel Der Orientalist erschienen.

Der Orientalist

Lew Nussimbaums Biografie mag zu den extremsten Beispielen jener Grenzgänge gehören, die viele Juden schon im 19. Jahrhundert zum wachen Interesse am Islam und seiner Geschichte führten – angefangen mit den Vertretern der „Wissenschaft des Judentums“, wie Abraham Geiger, der zu den Begründern der modernen Orientalistik und Islamwissenschaften zählen sollte.

Hannah Arendt: Jüdischer Kosmopolitismus und gebrochener Universalismus

Europäisches Tagebuch, 14.10.2020: Sie war eine der schillerndsten jüdischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Heute vor 114 Jahren wurde sie in Hannover geboren: Hannah Arendt.

Als Philosophin wollte sie nicht bezeichnet werden. Sie sah sich als politische Theoretikerin. Und in ihren schonungslosen Analysen politischer Herrschaftssysteme und Ideologien, ihren Beiträge zur Demokratietheorie und zur Pluralität begriff sie sich als Historikerin.
Ihr Studium führte sie durch die deutsche intellektuelle Provinz, nach Marburg, Freiburg und Heidelberg, zu Heidegger (mit dem sie eine später vieldiskutierte Liebesbeziehung hatte), Husserl und Jaspers, mit dem sie vor und nach dem Nationalsozialismus einen bewegenden, freundschaftlichen und widersprüchlichen  Disput über das Verhältnis von Deutschen und Juden austrug. „Für mich ist Deutschland die Muttersprache, die Philosophie und die Dichtung“, schrieb sie Jaspers vor 1933, und betonte zugleich die Notwendigkeit auf Distanz zu bleiben. Mit einem „Deutschen Wesen“ von dem Jaspers so gerne sprach, wollte sie nichts zu tun haben.

So universalistisch sie in politischen Fragen dachte, so sehr verstand sie sich immer selbstbewusst als Jüdin und setzte sich offensiv mit der jüdischen Rolle als Paria der Gesellschaft auseinander.

1933 wurde sie kurzzeitig von der Gestapo inhaftiert. Und fortan galt für sie „Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich als Jude verteidigen“, wie sie in einem legendären Fernsehinterview durch Günter Gaus im Jahre 1964 trocken bemerkte. Kaum etwas hat sie so sehr belastet wie der Umstand, dass ihr eigenes intellektuelles Umfeld in Deutschland sich mit dem Nationalsozialismus nicht nur arrangierte, sondern wie Heidegger und viele andere sogar offenkundig von der neuen Macht fasziniert war. Niemals zweifelte sie daran, dass solche Entscheidungen in der Verantwortung der Subjekte lagen. Für das tragische Selbstbild vieler Deutscher, die sich nach 1945 in Kategorien von Verstrickung und Untergang eine allenfalls „schuldlose Schuld“ andichteten, hatte sie nur beißenden Spott übrig. Aber auch alle Versuche der Opfer, den Massenverbrechen einen Sinn zu verleihen, waren ihr suspekt. „Auschwitz hätte nie geschehen dürfen“, war ihr bitteres Resumee, das auch hinter ihrem Buch über den Eichmann-Prozess stand, mit dem sie sich heftige Kritik in der jüdischen Öffentlichkeit zuzog.

Doch zuvor hatte sie Flucht, Internierung und Staatenlosigkeit erlebt. 1933 flieht sie nach Frankreich. In Paris gehört sie zum Freundeskreis um Walter Benjamin und den Rechtsanwalt Erich Cohn-Bendit (dem späteren Vater von Dany Cohn-Bendit). 1940 wird sie, mittlerweile staatenlos, in Frankreich als „feindliche Ausländerin“ in Gurs interniert, eine Erfahrung, die sie in ihrem Essay Wir Flüchtlinge verarbeitet. Nach wenigen Wochen gelingt ihr die Flucht aus dem Lager, 1941 kann sie in die USA emigrieren. In ihrem Gepäck hat sie Walter Benjamins letztes Manuskript, seine Thesen über den Begriff der Geschichte, seine Auseinandersetzung mit dem Mythos des Fortschritts und dem wachsenden Trümmerhaufen, auf den der Engel der Geschichte schauen muss, den der Sturm rückwärts in die Zukunft treibt.
Immer eigenständiger argumentiert sie nun als Jüdin für jüdische Selbstverteidigung und nach 1945 engagiert sie sich für die Rettung jüdischer Kulturgüter, deren eigentlicher Ort, die jüdischen Gemeinden Europas vernichtet sind – und die eine neue Verwendung, vor allem in den USA und in Israel finden müssen.
Dem zionistischen Projekt einer territorialen jüdischen Souveränität auf Kosten der ansässigen arabischen Bevölkerung gegenüber behielt sie kritische Distanz – und gemischte Gefühle zwischen Sympathie, Solidarität und politischer Ernüchterung. Als unter der Führung von Menachem Begin jüdische Milizen 1948 die arabische Bevölkerung von Deir Yasin massakrierten, veröffentlichte sie, u.a. gemeinsam mit Albert Einstein, einen flammenden Aufruf für einen Ausgleich mit den Palästinensern. Ihren eigenen Ort sah sie in den USA, einer Gesellschaft, der sie zutraute, universelle bürgerliche Gleichheit und kollektive Rechte auf Zugehörigkeit zu partikularen Identitäten miteinander zu versöhnen. Später äußerte sie in privaten Briefen auch ihre Verbundenheit mit Israel als jüdischem Rückzugsort, in einer Zeit als ihre Enttäuschung über den Fortbestand antisemitischer Ressentiments zunahm.

In den immer intensiveren Auseinandersetzungen um jüdische „Identität“ und Selbstbewusstsein nahm sie öffentlich eine ganz eigene, jüdisch-kosmopolitische Position ein, mit der sie zwischen alle Stühle geriet, wie Natan Sznaider in seinem Buch über den Gedächtnisraum Europa. Die Visionen des europäischen Kosmopolitismus betont. Natan Sznaider wird im Juni 2021 die Europäische Sommeruniversität für Jüdische Studien in Hohenems mit einem Vortrag darüber eröffnen.

Hans Kelsen: Von der Eleganz und der Widerborstigkeit der Verfassung

Europäisches Tagebuch, 11.10.2020: Nein, Hans Kelsen, der heute vor 139 Jahren in Prag geboren wurde, war nicht der alleinige „Autor“ der österreichischen Verfassung, deren „Eleganz“ in letzter Zeit so oft bemüht worden ist. Aber der aus einer jüdischen Familie stammende Jurist hatte tatsächlich entscheidenden Einfluss auf ihre Ausformulierung. Kelsen studierte in Wien, und konvertierte 1905 erst zum katholischen Glauben, 1912 dann zum Protestantismus. Mit seinem Hauptwerk, der Reinen Rechtslehre gehört er zu den Begründern des Rechtspositivismus, die sich von der sogenannten Naturrechtslehre abzusetzen versuchte. Ein Streit der Laien kaum verständlich war. Schließlich ging auch Kelsen von einer – jenseits der positiven Rechtssetzungen vorhandenen – „Grundnorm“ aus, die er zunächst als “Hypothese”, dann als “Fiktion” bezeichnete. Und die ihn gleichwohl zum erklärten Anhänger von unveräußerlichen Menschenrechten machte.

Hans Kelsen: Büste am Sitz des Wiener Verfassungsgerichtshof

1917 wurde Kelsen Professor in Wien. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Hersch Lauterpacht, der sich vom Rechtspositivismus abwandte und als Anhänger der Naturrechtslehre zu einem der maßgeblichen Völkerrechtsexperten des 20. Jahrhunderts werden sollte – und der maßgeblichen Einfluss auf die Schaffung internationaler Menschenrechtsgerichtsbarkeit nach dem 2. Weltkrieg und dem Holocaust hatte.

Kelsen vertrat schon nach dem 1. Weltkrieg in seinen Arbeiten zum Verfassungsrecht eine Demokratietheorie, die auf dem Respekt und dem Schutz von Minderheitenrechten basierte: „Die für die Demokratie so charakteristische Herrschaft der Majorität unterscheidet sich von jeder anderen Herrschaft dadurch, daß sie eine Opposition — die Minorität — ihrem innersten Wesen nach nicht nur begrifflich voraussetzt, sondern auch politisch anerkennt und in den Grund- und Freiheitsrechten, im Prinzipe der Proportionalität schützt.“ Legendär ist sein Streit mit Carl Schmitt über die Frage ob der Macht des Souveräns oder dem Recht und dem Schutz von Minderheiten der Vorrang in einer demokratischen Gesellschaft gebührt.

Nach seiner entscheidenden Mitwirkung am Bundes-Verfassungsgesetz, dessen 100. Geburtstag vor wenigen Tagen am 1. Oktober 2020 gefeiert wurde, blieb Kelsen Verfassungsrichter der jungen Republik. Und geriet bald ins Visier der nun folgenden konservativen Regierungen. Um die Aufführung von Arthur Schnitzlers Theaterstück „Der Reigen“ sollte es im Februar 1921 in Wien zu einer antisemitisch aufgeladenen Kampagne kommen. Wiens sozialdemokratischer Bürgermeister Reumann weigerte sich das Stück, wie von der christlichsozialen Regierung gefordert, zu verbieten. Auch der Verfassungsgerichtshof entschied unter Kelsen gegen ein Verbot, was wütende Drohungen gegen Kelsen provozierte.
1929 schließlich kam es erneut zum Konflikt, der Kelsens Laufbahn in Österreich beendete. Das Verfassungsgericht hatte die bis dahin im katholischen Österreich verbotene Ehescheidung ermöglicht, indem sie die vom sozialdemokratischen Landeshauptmann Niederösterreichs eingeführte staatliche „Dispens-Ehe“ als rechtens anerkannte. Die christlichsoziale Bundesregierung setzte daraufhin das gesamt Verfassungsreicht per Gesetz ab und ernannte neue Richter.
Kelsen nahm Konrad Adenauers Angebot an, als Professor nach Köln zu wechseln. Doch schon 1933 machte die nationalsozialistische Machtübernahme in Deutschland seinem Wirken in Köln ein Ende. Als einziger seiner Kölner Fachkollegen beteiligte sich Carl Schmitt nicht an einer Petition zu seinen Gunsten.

Kelsen ging nach Genf, und 1936 nach Prag, wo seine Berufung einen Sturm völkisch-antisemitischer Studenten auslöste. 1940 emigrierte er in die USA, und ließ sich in Kalifornien nieder. 1945 ehrte ihn die Österreichische Akademie der Wissenschaften, doch eine Einladung, nach Österreich zurückzukehren ist nie erfolgt. An die Eleganz „seiner“ Verfassung wird gerne erinnert. Doch an den mühsamen Kampf um Minderheitenrechte weniger. Kelsen starb am 19. April 1976 in Orinda, Kalifornien.

René Samuel Cassin und die Menschenrechte

Europäisches Tagebuch, 5.10.2020: Heute vor 133 Jahren wurde in Bayonne René Samuel Cassin geboren, einer der engagiertesten Vorkämpfer der Menschenrechte im 20. Jahrhundert. 1968 wurde ihm für seine Verdienste der Friedensnobelpreis verliehen.

René Samuel Cassin

Cassins Vater Azarie Henri Cassin entstammte einer sefardischen, portugiesisch-marranischen Familie und war als Weinhändler in Nizza tätig. Seine Mutter Gabrielle Dreyfus stammte aus einer elsässisch-jüdischen Familie. Cassin zog als promovierter Jurist in den 1. Weltkrieg und kehrte schon im Oktober 1914 schwer verwundet zurück. Noch während des Krieges gründete er mit anderen Kriegsteilnehmern die Union fédérale, den französischen Verband der Kriegsopfer, dem er von 1922 als Präsident vorstehen sollte. 1921 und 1924 organisierte er Konferenzen von Kriegsversehrten und Veteranen, die für Verständigung und Friedensabkommen zwischen den verfeindeten Nationen eintraten. Er tat dies durchaus als französischer Patriot, der von einer universellen französischen Mission überzeugt war:

„Wir verkörpern seit Jahrhunderten ein Ideal der Freiheit, der Unabhängigkeit, der Menschlichkeit“, deshalb seien die Mitglieder der Union fédérale die „Vertreter der französischen Moral in der Welt“.

Als Professor ab 1920 in Lille, dann ab 1929 an der Sorbonne in Paris, lehrte er Völkerrecht. Vor allem aber war Cassin in unzähligen Nichtregierungsorganisationen und politischen Ämtern aktiv. Von 1924 bis 1938 vertrat er Frankreich beim Völkerbund. 1940 emigrierte er nach London und gründete mit Charles de Gaulle France Libre, die französische Exilarmee in den britischen Streitkräften. Von 1941 bis 1943 wurde er Nationalkommissar der Freien Französischen Regierung in London und 1944 gehörte er zu den Initiatoren des Französischen Komitees für die Nationale Befreiung in Algier und bereitete als Präsident deren juristischer Kommission die französische Gesetzgebung nach 1945 vor. 1944 wurde er Vizepräsident des französischen Staatsrates (bis 1960) und 1946 auch Präsident der französischen Elite-Hochschule École nationale d’Administration.

Von 1946 bis 1958 vertrat er Frankreich bei den Vereinten Nationen und gehörte zu den Begründern der UNESCO. Vor allem aber gehörte zum engsten Kreis der Verfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, zusammen u.a. mit Karim Azkoul, dem libanesischen Diplomaten und Philosophen.
Von 1959 bis 1968 schließlich war er Vizepräsident, dann Präsident des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofes.

Eine Palästinareise in den 1930er Jahren, vielleicht auch sein sefardisches Familienerbe, hatte ihn dazu motiviert sich für die Förderung der arabisch-jüdischen Bevölkerung Palästinas einzusetzen. Nach 1945 wurde er neben seinen vielen anderen Ämtern auch Präsident der Alliance Israelite Universelle (die im 19. Jahrhundert die Ideale der französischen Revolution vertrat und europäische Bildung unter orientalischen Juden verbreiten sollte, nicht ohne eine gewisse Portion europäisch-kolonialen Hochmut).

„Hitlers Hauptziel war die Auslöschung der Juden“, schrieb Cassin, „aber ihre Vernichtung war auch Teil einer Attacke auf Alles, wofür die Französische Revolution stand: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Menschenrechte. Hitlers Rassismus war im Kern ein Versuch, die Prinzipien der Französischen Revolution auszulöschen.“ Das hinderte Cassin zwar nicht, nach der Vernichtung des europäischen Judentums das jüdisch-nationale, zionistische Projekt zu unterstützen. Doch forderte er nach 1945 auch klare Einschränkungen nationaler Souveränität in allen Fragen der Menschenrechte, die vor jeder nationalen Gesetzgebung Vorrang haben müssten und auch mit Zwangsmaßnahmen durchgesetzt werden müssten.
Sein Eintreten für soziale Rechte weckte in den USA Misstrauen gegen ihn. Ein Beamter des State Department stand nicht an, ihn als „Kryptokommunisten“ zu bezeichnen. Doch neben seinem Engagement für die Menschenrechte und für die Ideale der Gleichheit, blieb Cassin in vielen gesellschaftspolitischen Fragen ein klassisch konservativer Liberaler. So hatte er gegenüber der rechtlichen Gleichstellung von Frauen eine eher zögerliche Haltung, ja er stimmte im französischen Exilparlament in Algier sogar gegen eine sofortige Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts.

Cassin starb am 20. Februar 1976 in Paris.

Engel der Geschichte

Europäisches Tagebuch, 26.9.2020: Heute vor 80 Jahren nahm sich Walter Benjamin in Port Bou an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien das Leben. Er war auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, hatte die Grenze schon überwunden – und fürchtete, von den spanischen Grenzbeamten wieder ins besetzte Frankreich zurückgeschickt zu werden.

Wenige Monate zuvor, im Mai 1940, hatte er seinem Freund Stephan Lackner in Paris geschrieben:

„Man fragt sich, ob die Geschichte nicht im Begriff ist, eine geistreiche Synthese von zwei nietzscheanischen Begriffen zu schmieden, nämlich die des guten Europäers und die des letzten Menschen. Das könnte den letzten Europäer ergeben. Wir alle kämpfen darum, nicht zu einem solchen zu werden.“

Benjamins letzten bedeutender Text, seine Thesen über den Begriff der Geschichte, rettete Hannah Arendt für die Nachwelt. An seinen „Engel der Geschichte“ erinnert seit August in Hohenems, vor dem früheren Gasthaus Engelburg am Kreuzungspunkt der ehemaligen Judengasse und Christengasse, eine Skulptur von Günther Blenke. Inspiriert von dem Stück eines verbrannten Baumes, in den ein Blitz eingeschlagen ist.

Aufstellung der Brunnenplastik in Hohenems von Günther Blenke, am 8.8.2020. Foto: Julie Walser

In seinen „Thesen über den Begriff der Geschichte“ schrieb Walter Benjamin 1940:

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Danke an Günther Blenke – und Franz Sauer, der das Fragment des verbrannten Baumes im Wald geborgen hat.

Günther Blenke, Franz Sauer und der “Engel der Geschichte”. Foto: Julie Walser