Lew Nussimbaum alias Essad Bey: Ein Grenzgänger zwischen allen Welten

Europäisches Tagebuch, 20.10.2020: Kaum jemand hat so viele Grenzen überschritten wie er, und dies unter vielen verschiedenen Namen. Heute vor 115 Jahren wurde er in Baku oder in Kiew geboren: Lew Abramowitsch Nussimbaum alias Essad Bey alias Kurban Said alias Mohammed Essad-Bey. Sein Vater war ein georgisch-jüdischer Öl-Industrieller, seine Mutter eine russisch-jüdische Revolutionärin, die sich 1911 das Leben nahm. So kümmerte sich eine deutsche Kinderfrau um den jungen Lew, der in Baku das Gymnasium besuchte, bis die Familie vor den Bolschewiken 1918 über das kaspische Meer floh.
Seine Odyssee führte den 15 jährigen Lew 1920 alleine in die deutsche Kolonie Helenendorf in Georgien, von dort über Tiflis, Istanbul, Paris und Rom nach Berlin. 1922 trat Nussimbaum dort zum Islam über, nannte sich fortan Essad Bey und begann sich in der Berliner islamischen Gemeinde zu engagieren. Er studierte Türkisch, Arabisch und islamische Geschichte und wurde mit der literarischen Szene in Berlin bekannt, mit Else Lasker-Schüler, Vladimir Nabokov und Boris Pasternak. Als Journalist schrieb er für deutsche Zeitungen über den “Orient“ und den Islam, und debütierte 1929 mit einem autobiografischen Roman, Öl und Blut, auch als literarischer Autor.

Gedenktafel am Wohnhaus von Essay Bey in Berlin, Fasanenstraße 72. Ohne Erwähnung seiner jüdischen Herkunft…

1932 folgte eine bis heute als Standardwerk geltende Biografie Mohammeds. Seine antikommunistischen Schriften hingegen und die Tatsache, dass seine jüdische Herkunft in Berlin zunächst kein Thema war, verschaffte ihm 1934 auch den Zugang zur Reichsschrifttumskammer. Doch 1936, Essad Bey lebte inzwischen in Wien, erhielt er in Nazi-Deutschland Publikationsverbot. Seinen nächsten Roman, Ali und Nino, veröffentlichte er unter seinem neuen Pseudonym, Kurban Said. Und das Buch wurde auch in Deutschland zu einem großen Erfolg. (Neuauflagen folgten noch in den Jahren 2000 und 2002). 1938 reiste Essad Bey, der inzwischen den italienischen Faschismus verehrte, über die Schweiz nach Italien, vermutlich um eine Mussolini-Biografie zu verfassen. Unter wachsenden physischen Schmerzen erreichte er Positano in Süditalien, wo an ihm die Raynaudsche Krankheit diagnostiziert wurde. Seine deutsche Kinderfrau aus Baku pflegte ihn in seinen letzten Lebensmonaten, in denen er seinen letzten, bislang unveröffentlichten Roman Der Mann, der nichts von der Liebe verstand vollendete. 1942 starb Lew Nussimbaum alias Essad Bey alias Kurban Said in Positano.
Seine verrückte Biografie schrieb der amerikanische Journalist Tom Reiss. Sein Buch The Orientalist. Solving the Mystery of a Strange and Dangerous Life ist in deutscher Übersetzung von Jutta Bretthauer 2008 unter dem Titel Der Orientalist erschienen.

Der Orientalist

Lew Nussimbaums Biografie mag zu den extremsten Beispielen jener Grenzgänge gehören, die viele Juden schon im 19. Jahrhundert zum wachen Interesse am Islam und seiner Geschichte führten – angefangen mit den Vertretern der „Wissenschaft des Judentums“, wie Abraham Geiger, der zu den Begründern der modernen Orientalistik und Islamwissenschaften zählen sollte.

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