Impfstrategien und Medienstrategien

Europäisches Tagebuch, 21.1.2021: Während im Land über Impfstrategien gestritten wird und darüber ob man sich als Politiker vordrängeln darf, warum Impfdosen liegen bleiben, die man eigentlich verimpfen könnte, und warum erst jetzt Software verfügbar ist, um sich anzumelden, versucht Kanzler Kurz wieder die Lufthoheit über die Debatte zurückzugewinnen. Gemeinsam mit einigen Staatschefs, die ebenfalls gerade so manche Probleme haben (Tschechien, Griechenland, Dänemark), fordert er mit einigem Applomb, dass die EU „endlich“ den Impfstoff von Astra-Zeneca zulassen soll. „Jeder Tag zählt, um Leben zu retten.“„Unbürokratische Entscheidungen“ fordert er, dass passt ja gegenüber der EU immer. Und ohne die Wortmeldung aus Wien würde die Behörde und die EU-Kommission vermutlich schlafen. So jedenfalls soll es rüberkommen. Da schaut man doch, im richtigen Augenblick seine eigene Pressemeldung platzieren zu können, so dass man seine Muskeln ins Rampenlicht bekommt, wenn gerade niemand anderes dort steht.

Nun ja, es geht um einen Impfstoff, für den der Hersteller in der EU erst vor wenigen Tagen überhaupt die Zulassung beantragt hat, und dessen Wirksamkeit noch nicht so klar belegt ist, wie bei den schon zugelassenen Konkurrenzprodukten. Ein Wirkstoff, der – so der Hersteller Astra Zeneca – gerade nochmal überarbeitet werden soll, damit er gegen die neuen Virus-Mutationen auch hilft. Und von dem noch nicht so ganz klar ist, wieviele Monate man für die zweite Dosis warten soll, damit die optimale Wirkung erzielt wird. Da hilft es ungemein, wenn der österreichische Kanzler zur Eile mahnt. Auch wenn es in der Tat allen Grund dazu gibt.

Unterdessen zählt Großbritannien derzeit weltweit die höchste Todesrate in Relation zur Bevölkerung. In wenigen Tagen wird Großbritannien das erste Land Europas sein, das mehr als 100.000 Tote zu beklagen hat. In den USA wurde vor wenigen Tagen die Schwelle von 400.000 überschritten. Auch in Deutschland nehmen die Todesfälle nun dramatisch zu. Und in Österreich wollen sie seit dem Jahresbeginn nicht nennenswert heruntergehen. Weltweit sind inzwischen mehr als 2 Millionen Menschen an Covid 19 verstorben.
In Israel, dem Land das wieder einmal als Vorzeigeobjekt dient, nun für eine schnelle Impfkampagne, sind gestern die meisten Menschen seit dem Beginn der Pandemie vor einem Jahr verstorben. Dass Israel von Biontech-Pfizer am großzügigsten mit Impfstoff versorgt wird, hat einen einfachen Grund. Das kleine Land öffnet seine Gesundheitsdaten dem Hersteller für den bislang größten Massentest eines Impfstoffes. Die besetzten Gebiete warten hingegen auf russischen Sputnik V. Wohl vergeblich. Hinter den Kulissen laufen jetzt aber offenbar doch Verhandlungen darüber, ob Israel seine rechtlichen Verpflichtungen gegenüber Menschen in besetzten Gebieten nun wahrnimmt oder nicht. Die Palästinensische Verwaltung, ohnehin nur für die Gebiete der Zone A verantwortlich, will auch nicht öffentlich darum betteln, das würde ja die eigenen Ansprüche auf Autonomie (und Förderungen) in Frage stellen. Die Leidtragenden sind in jedem Fall die Palästinenser, egal ob sie in den Gebieten mit hilflos agierender palästinensischer Verwaltung leben, oder in jenen, die eh vom israelischen Militär kontrolliert werden.

Europäisches Tagebuch, 21.1.2020: Vor einer Woche hat die WHO noch mitgeteilt mit, dass „vorläufige Untersuchungen der chinesischen Behörden (…) keinen klaren Beweis dafür ergeben, dass sich das neue Coronavirus durch Mensch-zu-Mensch-Übertragung verbreitet.“ Dabei besteht schon seit Wochen genau dieser Verdacht. Die chinesischen Behörden haben nun gestern erstmals öffentlich bestätigt, dass sich Sars-CoV 2 tatsächlich durch Übertragung von Mensch zu Mensch ausbreitet. Die Abriegelung von Wuhan beginnt. Bei seinem China-Besuch lobt WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus das Land, es setze „einen neuen Standard für die Reaktion auf einen Krankheitsausbruch“.

 

Ein Gedanke zu „Impfstrategien und Medienstrategien

  1. Der Vorarlberger Reinhold Bilgeri (1950 in Hohenems geboren), dessen neuestes Buch “Die Liebe im leisen Land” (gemeint sind die USA) am gestrigen Inaugurationstag des neuen USA-Präsidenten Joe Biden erschienen ist, hat in einem Interview mit der “Tiroler Tageszeitung” zwei Tage davor auch etwas über Kanzler Kurz zu sagen gewusst: “Aber Sebastian Kurz ist vieles nicht klar. Er ist ein durchdesignter Machtmensch, der sich aalglatt an Umfragen orientiert – und nie etwas falsch macht. Das war schon vor Corona so. Kurz scheint es nicht um die Evolution einer Gesellschaft zu gehen, in der die dunkle Geschichte Österreichs immer mitgedacht werden muss. Sonst hätte er sich nicht mit Strache ins Bett gelegt – und würde nicht bis heute mit dessen Wählerschaft flirten. Das ist gefährlich. Es ist ja nicht so, dass wir hier eine Insel der Seligen wären.”
    Herr Kurz schaut halt stets, immer irgendwie “rüberzukommen” und das vor allem im richtigen Augenblick im Kielwasser passender Umfragen. Derzeit eben zu Corona.

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